»Heisenberg« überzeugt mit brillanten Schauspielern Die Wahrheit bleibt im Unklaren

Gütersloh (WB). Die Begegnung einer 42-Jährigen mit einem 75-Jährigen an einem Londoner Bahnhof – schicksalhafter Beginn einer Liebesgeschichte oder doch kalkulierter Plan? Darüber musste sich das Theaterpublikum am Samstag eine eigene Meinung bilden.

Von Laura Gehle
Caroline Peters und Burghart Klaußner spielen in »Heisenberg« ein ungleiches Paar, das sich zufällig – oder auch nicht zufällig, wer weiß das schon? – an einem Bahnhof trifft.
Caroline Peters und Burghart Klaußner spielen in »Heisenberg« ein ungleiches Paar, das sich zufällig – oder auch nicht zufällig, wer weiß das schon? – an einem Bahnhof trifft. Foto: Laura Gehle

Das Düsseldorfer Schauspielhaus brachte Simon Stephens’ »Heisenberg« in deutschsprachiger Erstaufführung ins Gütersloher Theater, mit Caroline Peters und Burghart Klaußner als ungleichem Paar.

Mit einem Kuss in den Nacken eines fremden Mannes beginnt alles. Der Kuss stammt von Georgie Burns, der fremde Mann ist Alex Priest. Ein Versehen, laut Georgie. Schließlich erinnere er sie an ihren vor anderthalb Jahren verstorbenen Mann. Gegen Alex’ Willen kommt ein Gespräch zustande, Georgies Redefluss ist nicht zu stoppen. Dem Metzger Alex wird das zu viel, er verlässt den Bahnhof – nur um Georgie eine Woche später vor seiner Metzgerei wiederzufinden.

Die Lebensgeschichte ist erfunden

Sie hat ihn gegoogelt, gesteht sie – und außerdem ihre Lebensgeschichte erfunden. Kein verstorbener Mann. Sie ist Grundschulsekretärin mit einem Sohn, der in New Jersey lebt und sie nie wiedersehen will. Alex verbringt einen Abend und dann die Nacht mit ihr, nach der sie ihn um 15.000 Pfund bittet, um ihren Sohn zu suchen. Ob er ins Beuteschema gepasst habe, fragt Alex sie. Nein, sie habe das eben erst entschieden, antwortet Georgie. Gleich darauf: Ja, es war seit vielen Monaten geplant. Was die Wahrheit ist, bleibt unklar.

In Anlehnung an die Unschärferelation des Physikers und Nobelpreisträgers Werner Heisenberg ist es im Verlauf des Stückes Georgie, die die Problematik einer zwischenmenschlichen Beziehung pointiert: Wenn man etwas intensiv beobachtet, kann man unmöglich sagen, wohin es sich bewegt und wie schnell es dorthin gelangt; es bleibt unscharf.

Gequält-genervte Gesichtsausdrücke und Rock’n’Roll

Genauso unscharf ist auch die Beziehung, die Caroline Peters und Burghart Klaußner zwischen ihren Rollen entstehen lassen. Meisterhaft gelingt es ihnen, den Kontrast zwischen der unentwegt plappernden, flatterhaften Georgie und dem schweigsamen und zurückgezogenen Alex zu zeigen. Dabei überzeugt Caroline Peters als Frau mittleren Alters mit Art eines jungen Mädchens, die unentwegt mit Beleidigungen umherwirft, die man ihr nicht übel nehmen kann.

Und Burghart Klaußner macht seinen deutlich geringeren Redeanteil mindestens durch die Palette von gequält-genervten Gesichtsausdrücken und seinen Rock’n’Roll-Auftritt wieder wett.

Ob die beiden am Ende zusammenbleiben, bleibt genau wie alles andere unklar. Aber um genau diese Unschärfe geht es ja.

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