Holocaust-Überlebender und Autor Sally Perel erzählt Schülern seine Lebensgeschichte »Jupp lebt noch in mir drin«

Gütersloh (WB). »Meine lieben, jungen Freunde«, richtet Sally Perel sich aus seinem blauen Armlehnensessel an die Zehntklässler. Der 92-Jährige lässt sie gleich wissen, dass er in wenigen Minuten von Dingen erzählen wird, die die Schüler aus ihrem Alltag nicht kennen. »In meiner Jugend hatte ich kein Handy und kein Pokemon – nichts, was meinen Kopf verstopft«, sagt er. »Dafür aber oft ganz viel Angst.«

Von Elke Westerwalbesloh
Ein grandioser Erzähler: Der 92-Jährige Salomon Perel ist auf Lesetour. Von Israel aus ist er nach Gütersloh in die Geschwister-Scholl-Realschule gereist, um 185 Schülern seine Geschichte vom »Hitlerjungen Salomon« näher zu bringen.
Ein grandioser Erzähler: Der 92-Jährige Salomon Perel ist auf Lesetour. Von Israel aus ist er nach Gütersloh in die Geschwister-Scholl-Realschule gereist, um 185 Schülern seine Geschichte vom »Hitlerjungen Salomon« näher zu bringen. Foto: Elke Westerwalbesloh

Der Autor ist auf Lesetour und reiste nun von Israel nach Gütersloh zur Geschwister-Scholl-Realschule, um 185 Schülern der zehnten Klassen seine Lebensgeschichte näher zu bringen. In der Mensa, an einem kleinen Tisch in einem schicken blauen Sessel, macht es sich der 92-Jährige bequem.

Erzählstunde statt Lesung

Und nach kurzer Begrüßung durch die Schulleiterin Christiane Piepenbrock wird klar: Es wird hier keine Lesung stattfinden, sondern eine Erzählstunde mit einem liebevollen, netten, älteren Herren, der alle noch so zappeligen Schüler in seinen Bann ziehen wird. Bibliothekarin Bettina Löhr-Grust hat mit Hilfe von Bertelsmann dieses Event organisiert.

Sein Buch »Ich war Hitlerjunge Salomon« (1990) lässt er als kleine Zierde auf dem Tisch unberührt liegen. »Ja, zu meiner Zeit gab es nur Bücher«, nimmt er nochmal Bezug auf die digitale Welt, in der sich die Schüler bewegen. »Und glaubt mir, ich habe sie auch gelesen und nicht unter die Bettdecke gestopft«, berichtet Perel. Die Zehntklässler haben sich auf den Tag mit Sally Perel vorbereitet.

Zur Person

Salomon Perel wird am 21. April 1925 in Peine geboren. Seine Eltern sind Juden, die 1935 zunächst nach Polen flüchten. Als Zehnjähriger landet Perel auf der Flucht vor den Nazis in einem russischen Waisenhaus. Er flieht in die Sowjetunion bis nach Minsk, wo er 1941 deutschen Truppen in die Hände fällt. Die Jahre bis Kriegsende überlebt er, indem er sich als Volksdeutscher ausgibt und eine HJ-Berufsschule des Braunschweiger Volkswagenwerks besucht. Dort mutiert der kommunistische Jude Sally zum mustergültigen Jung-Nazi Jupp. Sein Buch erzählt seine Geschichte. Heute lebt er in Israel.

»Nun gut«, sagt Schüler Thies Nobbe, der neben Hans Feuß (SPD-Kreisvorsitzender) die Erzählstunde moderiert. »Ich habe das Hörbuch gehört und auch den Film geguckt«, erklärt der engagierte Schüler, dass es auch anders geht als mit dem Buch.

In der Wehrmachtsuniform wurde er zu »Jupp«

Die Schüler haben Fragen ausgearbeitet, die sie Perel stellen wollen. Im Geschichtsunterricht lernen die 15-Jährigen gerade alles über den Nationalsozialismus. »Wie haben Sie sich eigentlich gefühlt, als Sie lügen mussten?«, ist eine Frage in Bezug auf Sally Perels Verleugnung seiner jüdischen Identität, als er 16 war. »Ich war geschockt. Doch entwickelte ich mich zum Lieblingskind der Kompanie. Alle nannten mich Jupp in meiner Wehrmachtsuniform«, berichtet der 92-Jährige heute.

Sally Perel ist 16, als er 1941 von den Nazis gefangen genommen wird. Er ist Jude und schon seit Jahren auf der Flucht. Er weiß, dass er nur eine Chance hat: seine Papiere entsorgen und eine andere Identität annehmen. Der Mut der Verzweiflung macht aus ihm Jupp Perjell, das jüngste Mitglied der deutschen Wehrmacht, bis er nach Braunschweig geschickt wird, wo er bis Kriegsende inkognito in einem Internat der Hitlerjugend bleibt.

»Die Worte meiner Mutter ›Du sollst leben‹, die sie mir auf meine Flucht mitgegeben hat, haben mich gerettet«, sagt Perel abschließend. »Und natürlich ›Jupp‹. Der lebt noch in mir drin«, lässt er die Schüler wissen.

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