Auftritt des Pianisten Michael Wollny gerät zum Höhepunkt des WDR-3-Jazzfestes Von unfassbarer Schaffenskraft

Gütersloh (WB). Die letzte Konzertnacht des WDR-3-Jazzfestes wurde am Samstag vom überragenden Auftritt des deutschen Pianisten Michael Wollny dominiert. Der ebenso sympathische wie sensationell begabte Ausnahmemusiker spielte zunächst mit seinem Trio und bat anschließend das 24-köpfige Norwegian Wind Ensemble zu einem aufregenden Improvisations-Experiment auf die Bühne des Theaters.

Von Collin Klostermeier
Aufregendes Improvisations-Experiment: Michael Wollny, sein Trio und das 24-köpfige Norwegian Wind Ensemble.
Aufregendes Improvisations-Experiment: Michael Wollny, sein Trio und das 24-köpfige Norwegian Wind Ensemble. Foto: Collin Klostermeier

Leider musste all dies in weniger als 90 Minuten geschehen, dabei hätte dieser Weltklasse-Jazz gut und gerne auf zwei separate Konzerte verteilt werden können. Diese Tatsache wiegt umso schwerer, da es vor allem beim Auftaktkonzert des Abends viel Leerlauf gab: Hier hatte sich Gitarrist Andreas Heuser, der im vergangenen Jahr mit dem Jazzpreis in der Kategorie »Musikkulturen« ausgezeichnet worden war, den finnischen Schlagzeuger Markku Ounaskari und den Klarinettisten Claudio Puntin aus der Schweiz eingeladen.

Seltsam uninspirierte Mischung aus Weltmusik und Lounge

Während Andreas Heuser viel Zeit auf die Vorstellung der einzelnen Gitarren verwendete und ansonsten fast ausschließlich einfache Figuren in Endlosschleife spielte, übertrieb es Claudio Puntin mit dem elektrischen Tuning seiner Klarinetten bisweilen. Das Ergebnis war eine Mischung aus Weltmusik und Lounge, die seltsam uninspiriert vor sich hin plätscherte. Ganz klar: Dieser Auftritt wäre auf der kleinen Studiobühne und zu später Stunde besser aufgehoben gewesen als im spärlich besetzten Theatersaal.

Im zweiten Konzert füllten sich die Ränge, doch auch das Timo Lassy Quintet aus Finnland wusste mit seinem erdigen Hardbop nur in den ersten Stücken vollauf zu überzeugen. Danach setzte Bandleader Timo Lassy am Tenorsaxofon zwar weiterhin bemerkenswerte Akzente, während vor allem einige Soli seiner Mitspieler gewisse Längen nicht verbergen konnten.

All dies war nur deshalb zu verschmerzen, weil ja noch der Auftritt von Michael Wollny bevorstand. Und was für ein Auftritt das wieder war: Der Pianist begann zunächst im Trio, dem seine kongenialen Partner Christian Weber am Kontrabass und Eric Schaefer am Schlagzeug angehören. Die drei legten los wie die Feuerwehr und hatten den ausverkauften Theatersaal im Nu auf Betriebstemperatur.

Wunderschöne Naturgewalt

Konzerte dieses Trios sind wie wunderschöne Naturgewalt und suchen derzeit in der Jazzszene weltweit ihresgleichen. Das blinde Verständnis des Trios und die unfassbare Schaffenskraft von Michael Wollny erreichten auch in Gütersloh wieder eine grandiose emotionale Tiefe, die beim Publikum für anhaltende Glücksgefühle sorgte.

Markus Stockhausen (rechts) bringt mit seinem Ensemble das Projekt »Wild Life« auf die Studiobühne. Foto: Collin Klostermeier

Leider war schon nach 45 Minuten Schluss, denn das Norwegian Wind Ensemble stand bereits in der Startlöchern und gesellte sich nun zum Michael Wollny Trio auf die Bühne. »Ich weiß nicht, was gleich passieren wird«, sagte Orchesterleiter Geir Lysne dem Publikum noch, bevor die Weltpremiere mit ungewissem Ausgang ihren Lauf nahm.

Die 24 Bläser nahmen dabei die Rolle einer vierten Stimme ein und improvisierten ohne Partitur mit dem Trio – mal als komplettes Ensemble, mal in kleineren Gruppen. Ein enormes Wagnis, das jedoch auf ganz wunderbare Art und Weise tatsächlich funktionierte. Ein ergreifendes Erlebnis.

Der Schlusspunkt des Abends war schließlich Markus Stockhausen vorbehalten, der mit einem siebenköpfigen Ensemble um Mitternacht sein sperriges, aber gelungenes Improvisationsprojekt »Wild Life« auf die ausverkaufte Studiobühne brachte.

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.