WDR-Jazzfest im Gütersloher Theater: zu viel Selbstbespiegelung, zu wenig Unterhaltung Mit freundlichem Beifall

Gütersloh (WB). Wie kann es sein, dass der wortgewandte Entertainer Götz Alsmann in seiner Funktion als Moderator den geringsten Textanteil in einer Veranstaltung hat? Nun, zu besichtigen ist dieses Phänomen am zweiten Tag des WDR-Jazzfests im Gütersloher Theater.

Die WDR-Big-Band unter der Leitung von Ansgar Striepens beschließt die Gala anlässlich des WDR-Jazzpreises mit fünf Kompositionen von Hendrika Entzian.
Die WDR-Big-Band unter der Leitung von Ansgar Striepens beschließt die Gala anlässlich des WDR-Jazzpreises mit fünf Kompositionen von Hendrika Entzian. Foto: Stefan Lind

Professor Karl Karst, Programmchef des veranstaltenden Hörfunksenders WDR 3, redet alle an die Wand. Dass darunter der Unterhaltungswert leidet, ist bedauerlich.

Alsmann lediglich ein Stichwortgeber

Denn es soll im Rahmen einer Gala um die Verleihung der WDR-Jazzpreise 2018 gehen. Doch Karst nutzt mehrfach die Gelegenheit, eine Lanze zu brechen für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, für seinen Bildungsauftrag, seine Vielfalt, für all die Vorteile, die Kritiker in Abrede stellen. Viele dieser Argumente sind nachvollziehbar, klingen aus dem Munde eines Mannes, der von dem System seit Jahren bestens profitiert, aber recht schnell sehr wohlfeil.

Denn der Abend soll nicht dem Selbstlob, sondern der Würdigung herausragender Jazzmusiker dienen, und da verwundert es schon ein wenig, dass der wie immer souveräne Alsmann lediglich als Stichwortgeber herhalten muss, während Karst eine Laudatio nach der nächsten hält. Richtig erfrischend mutet da zu Beginn die launige Begrüßung durch den Gütersloher Bürgermeister Henning Schulz an, der einräumt, dass er sich früher im Alltag musikalisch eher zwischen Bosse und Coldplay bewegt habe, mittlerweile sei der Funke in Sachen Jazz aber auch zu ihm übergesprungen. Götz Alsmann nimmt den Ball auf: »Dann animieren Sie doch auch Ihre Kollegen. Es wäre schön, wenn viel mehr Kommunalpolitiker in Konzertveranstaltungen gehen würden.«

Ein erster Glanzpunkt, dann tobt der Saal

Der Funke ist übergesprungen – besser lässt sich nicht beschreiben, was die jungen Musiker des »Young7Teen Jazz Orchestra« aus Olsberg ausmacht. Treibende Kraft ist der musikalische Leiter und Saxophonist Tim Köhler, der stellvertretend für seine Kollegen den Nachwuchspreis entgegennimmt, nachdem er von Karl Karst zuvor ausgiebig gelobt worden ist (»diese Qualität ist außergewöhnlich«). Drei Stücke, darunter eine Köhler-Eigenkomposition, sind der erste umjubelte Glanzpunkt des Abends.

Legen einen faszinierenden Auftritt hin: Roger Hanschel (Altsaxophon) und Ramesh Shotham (Perkussionsinstrumente). Foto: Stefan Lind

Der zweite folgt noch vor der Pause. Roger Hanschel (Altsaxofon), Preisträger in Sachen Improvisation, und Ramesh Shotham (Perkussionsinstrumente), ausgezeichnet im Bereich »Musikkulturen«, tun sich zusammen, legen noch ein paar elektronische Klänge darunter, und musizieren sich in einen regelrechten Rausch. Diese Stilart des Jazz erfordert beim Musiker wie beim Zuhörer höchste Aufmerksamkeit, das Ergebnis ist so eindrucksvoll, dass der Saal tobt.

Ehrenpreis für den Bunker Ulmenwall in Bielefeld

Lena Jeckel vom Bunker Ulmenwall. Foto: Stefan Lind

Leider lässt sich die ausgelassene Stimmung nicht über die Pause retten. Der zweite Teil beginnt mit einer weiteren Ehrung. Lena Jeckel, Leiterin des Bunkers Ulmenwall in Bielefeld, darf stellvertretend für ihr Team den Ehrenpreis in Empfang nehmen. Gewürdigt wird nicht nur der Status eines der ältesten Jazzclubs in Nordrhein-Westfalen, sondern vor allem die Arbeit mit jungen unbegleiteten Flüchtlingen, die sich in dem geschützten Raum zu regelmäßigen Sessions mit Jazzmusikern treffen können.

Hendrika Entzian darf sich über den Preis für Komposition freuen, überreicht von WDR-3-Programmchef Karl Karst. Foto: Stefan Lind

Hendrika Entzian schließlich darf sich über den Preis für Komposition freuen, der damit verbunden ist, dass die WDR-Big-Band unter der Leitung von Ansgar Striepens fünf ihrer Kompositionen aufführt. Sie habe »harmonisch zu einer eigenwilligen Sprache« gefunden, heißt es in der Begründung, und doch fragt sich der Zuhörer irgendwann: Klingt die Big Band nicht ohnehin oft so ähnlich? Es ist, so scheint’s, von der Jury ein ganz bestimmter Stil gefragt, um ausgewählt zu werden, Hendrika Entzian passt bestens hinein.

Das ist ansprechend, das ist unterhaltsam, aber nicht sonderlich aufregend, und so plätschert der restliche Abend dahin und endet mit freundlichem Beifall. 2019 soll es eine Neuauflage in Gütersloh geben – dann aber bitte mit weniger Selbstbespiegelung.

Die jungen Musiker des »Young7Teen Jazz Orchestra« aus Olsberg erhalten den Nachwuchspreis des WDR in Sachen Jazz und sorgen mit drei Stücken für Begeisterung im Gütersloher Theater. Foto: Stefan Lind

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