Drei Jahrzehnte nach seiner Typisierung rettet Ingo Gruda Zwillingen das Leben Rettungsruf nach 30 Jahren

Herzebrock-Clarholz (WB). Wann wird aus Wahrscheinlichkeit ein Wunder? Bei 1:600 stehen die Chancen, einen Stammzellenspender in der eigenen Familie zu finden. Falls jedoch gleich beide Kinder so wie Kathryn und Elizabeth Girtler (9 Jahre) aus Minnesota/USA an Leukämie erkranken, muss außerhalb der Familie nach einem Retter gesucht werden. Dann verschlechtern sich die Chancen auf weltweit eins zu einer Billion.

Von Stephan Rechlin
Ingo Gruda, Tischlermeister aus Herzebrock-Clarholz, hat mit seiner Knochenmarkspende den Zwillingsschwestern Kathryn und Elizabeth Girtler das Leben gerettet. Er ist der eine Mensch auf der Welt mit den gleichen, genetischen Gewebemerkmalen.
Ingo Gruda, Tischlermeister aus Herzebrock-Clarholz, hat mit seiner Knochenmarkspende den Zwillingsschwestern Kathryn und Elizabeth Girtler das Leben gerettet. Er ist der eine Mensch auf der Welt mit den gleichen, genetischen Gewebemerkmalen. Foto: Carsten Borgmeier

Die Chancen verschlechtern sich, weil es so viele verschiedene Menschen auf der Welt gibt. Jeder hat andere Gene. Bei den Stammzellen eines Fremdspenders müssen fünf der wichtigsten Gewebemerkmale, die so genannten HLA-Typen, miteinander übereinstimmen. Es gibt jedoch mehr als 100 Varianten dieser HLA-Merkmale. Daraus ergeben sich Billionen von Kombinationsmöglichkeiten. Als Kathryn und Elizabeth Girtler 2011 an Leukämie erkrankten, lautete die Aufgabe der Eltern: Wollt ihr das Leben eurer Kinder retten, dann findet den einen Menschen auf der Welt, der exakt den gleichen HLA-Bauplan wie eure beiden Töchter besitzt.

Tischlermeister Ingo Gruda (51) vom Unternehmen GK Design GmbH aus Herzebrock-Clarholz war gerade mit einem ganz anderen Bauplan auf dem Gerüst an der Immobilie eines Kunden beschäftigt, als sein Handy in der rechten Arbeitshosentasche vibrierte.

Er legte Plan und Werkzeug beiseite und ging ran. Als seine Kollegen anschließend zu ihm rüberschauten, bemerkten sie Tränen in Grudas Augen: »Um Himmels willen, was ist denn passiert?« »Nichts Schlimmes,« antwortete Gruda, »etwas Wunderbares. Ich kann zwei Kindern das Leben retten.«

Der Anruf kam von der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS) . Es gebe da eine Anfrage aus den USA. Zwei Mädchen seien erkrankt. Seine Stammzellen würden mit denen der Mädchen übereinstimmen. Wie es ihm gehe und ob er Zeit für eine genauere Untersuchung habe? Ingo Gruda hatte sich typisieren lassen, als Kathryn und Elizabeth noch gar nicht lebten. Mitte der achtziger Jahre war ein Kind in Oelde an Leukämie erkrankt, das Deutsche Rote Kreuz (DRK) hatte zu Spenden aufgerufen. Dem Kind in Oelde konnte er nicht helfen. Doch das Ergebnis seiner Spende wurde in die DKMS-Datenbank eingepflegt. Dort sind inzwischen 6,5 Millionen Spendenwillige registriert. Weltweit sind es 27,7 Millionen. Es sind die Einzahler der weltweiten Stammzellen-Lotterie.

Mehr als 30 Jahre nach seiner Spende hatte sich an Grudas Einstellung nichts geändert: »Natürlich habe ich Zeit. Natürlich spende ich mein Knochenmark. Ich habe selbst drei Kinder und konnte gut nachempfinden, wie die Eltern sich fühlten.« Nach dem dreitägigen Eingriff in einer Hamelner Spezialklinik hörte er zwei Jahre nichts mehr aus den USA. Diese Frist schreibt die DKMS vor. In dieser Phase könnten die neuen Stammzellen noch abgestoßen und um weitere Spenden gebeten werden. Manch’ einer nutzte das aus, wenn der Empfänger bekannt war.

In diesem Jahr aber durfte Ingo Gruda auf Einladung von »Be the match«, dem amerikanischen Gegenstück der DKMS, nach Minnesota reisen, die beiden Mädchen und die Eltern kennenlernen. Für diese Begegnung musste niemand perfekt Deutsch oder Englisch lernen. Blicke, Umarmungen und Tränen reichten. Natürlich skypen sie auch über Weihnachten. Ingo Gruda: »Die beiden wünschen sich Gummibärchen. Im Ernst. So leckeres Gummikonfekt wie hier gibt es in den USA nicht.«

Sat1 hat einen Fernsehbeitrag (»Zwillingsretter«) über die Begegnung gezeigt: Er ist in der Mediathek zu sehen.

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