LWL-Wanderausstellung »Darf’s ein bisschen mehr sein?« wird am Sonntag im Stadtmuseum eröffnet Hinter jedem Schnitzel steckt ein Tier

Gütersloh (WB). Eine neue Ausstellung im Stadtmuseum an der Köker­straße will dazu anregen, kritischer über den eigenen Fleischkonsum nachzudenken.

Von Carsten Borgmeier
Die von Verena Burhenne (Foto) entworfene Wander-Ausstellung will Besucher in die gesellschaftliche Kontroverse um Fleischverzehr und -verzicht führen.
Die von Verena Burhenne (Foto) entworfene Wander-Ausstellung will Besucher in die gesellschaftliche Kontroverse um Fleischverzehr und -verzicht führen. Foto: Carsten Borgmeier

Ob Pferdefleisch in der Lasagne, Massentierhaltung, BSE-Skandal, Antibiotika in der Geflügelzucht oder das derzeitig heftig diskutierte Schreddern männlicher Küken: In Zeiten industrialisierter Fleischproduktion mit immer neuen Rekordzahlen scheint ein Skandal den nächsten zu jagen.

Die Wander-Ausstellung des Museumsamtes des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) wagt sich bewusst auf dieses verminte Feld unterschiedlichster, ethischer Ansichten. »Das Thema Fleischkonsum polarisiert, es fordert zu Wertung und Widerspruch heraus«, sagt Volkskundlerin Verena Burhenne, die die Ausstellung als wissenschaftliche Referentin des LWL-Museumsamtes maßgeblich gestaltet hat.

Tiefstpreise statt Wertschätzung

»Wo kommt eigentlich das Fleisch her, das wir täglich essen?«, fragt sie. Viele Menschen wüssten es heutzutage gar nicht mehr, sie seien von Landwirtschaft und Natur völlig entfremdet; auch gebe es kaum noch eine Wertschätzung für Fleisch, da es zu Tiefstpreisen in Deutschland überall verfügbar sei, meint Agrar-Ingenieurin Anett Rassfeld als stellvertretende Vorsitzende des Gütersloher Heimatvereins, in dessen Trägerschaft sich das Stadtmuseum befindet.

Doch diesem Informationsdefizit damaliger und heutiger Fleischproduktion kommt die Ausstellung nach: Sie zeigt historische Aufnahmen von Hausschlachtungen, Tiertransporten und der Schweinemast. Sie zeigt historische Werkzeuge, mit denen der Schlachter damals die Tiere ins Jenseits beförderte. Bei Museumsleiter Dr. Rolf Westheider, gebürtig aus Westfalens »Fettfleck« Versmold, werden da Erinnerungen wach: »Wenn bei uns geschlachtet wurde, war das immer wie ein Feiertag. Da kam die ganze Familie zusammen und die Nachbarn schauten vorbei«, berichtet Dr. Westheider von seinen Einsätzen am Fleischwolf in Kindertagen.

Idylle ist Vergangenheit

Die Wander-Ausstellung hat auch gerade in Gütersloh ein Heimspiel, denn in dieser Region wurden traditionell schon immer viele Schweine gemästet. »Hier hing früher der Himmel voller Schinken«, meint Verena Burhenne und spielt dabei auf eine Redensart an, mit der ursprünglich der Blick unter die Deelendecke eines Bauernhauses gemeint war. Passender Weise liefert sie dazu gleich eine historische Aufnahme von 1920 mit: Hoch droben in der westfälischen Tenne hängen die Schinken, unten rechts und links steht das Vieh.

Doch diese landwirtschaftliche Idylle ist längst Vergangenheit: Heute prägen industrielle Prozesse die Fleischproduktion, in modernen Schlachthöfen werden täglich bis zu 25 000 Schweine verarbeitet. »Und trotz aller Skandale stagniert der Fleischkonsum in Deutschland auf konstant hohem Niveau«, sagt Burhenne. Aber: Das Interesse an Ernährungsfragen wachse. Die Ausstellung wird am Sonntag, 3. April, um 11.30 Uhr eröffnet.

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