Pfefferspray soll Wildschweine vertreiben – toter Hund gibt Rätsel auf Doppelmord: Angeklagter beschreibt seine Ängste

Gütersloh (WB). Sicher, ruhig und besonnen, beherrscht, gründlich, geschickt,  aber auch diplomatisch. Das ist der Stil, wie der Vorsitzende Richter Wolfgang Korte den Revisionsprozess um den Gütersloher Weihnachts-Doppelmord führt. 

Von Wolfgang Wotke
Besprechen   ihre Verteidigungstaktik: Die beiden Strafverteidiger Sascha Haring (links) und Dr. Carsten Ernst.
Besprechen ihre Verteidigungstaktik: Die beiden Strafverteidiger Sascha Haring (links) und Dr. Carsten Ernst. Foto: Wolfgang Wotke

»Sagen Sie mal, ich habe in den Akten gelesen, dass Sie sich im November 2013 im Internet vier Fläschchen Abwehrspray bestellt haben sollen, stimmt das?«, wollte Wolfgang Korte am dritten Verhandlungstag vom Tatverdächtigen Jens Sch. (30) wissen. »Das ist richtig«, sagte der Angeklagte und lieferte gleich eine groteske Erklärung mit: »Wenn ich nachts im Wald spazieren gehe, dann pfeife ich vor mich hin, um mir Mut zu machen. Es könnte ja sein, dass ich plötzlich auf ein Wildschwein treffe. Dafür habe ich Pfefferspray in der Tasche.« Richter Korte lehnte sich zurück und meinte schmunzelnd: »Ich bezweifle stark, dass sich ein Wildschwein von Pfefferspray beeindrucken lässt.«

Schamane beeindruckt Jens Sch.

Es ist teilweise sein Verhalten, es sind seine abenteuerlichen und schwer nachvollziehbaren Antworten und Geschichten, die Jens Sch. so von sich gibt. Oft muss man dann nach der Logik suchen. Gestern berichtete er kurz von Carlos Castaneda, einem Schamanen, dessen Lebensphilosophie ihn stark beeindrucke. Es seien die verschiedenen Wahrnehmungsmöglichkeiten, die er von Castaneda kennengelernt habe, um beispielsweise seine eigenen Träume bewusster zu erleben. Und er erzählte von »Kriegern«, die gegen sich selbst Krieg führten. Haschisch habe er mal konsumiert, das sei jedoch für ihn nicht gesellschaftsfähig. Vor seiner Festnahme sei sein Gemütszustand »durchwachsen« gewesen. »Es war nicht so, dass es mir schlecht ging, aber auch nicht so, dass es mir gut ging.« Er habe einen »Unzufriedenheitsgrad« verspürt. Sein Verhältnis zu der Tochter der getöteten Ärztin und ihres Lebensgefährten sei »freundschaftlich, aber stets distanziert« gewesen. »Und trotzdem sind Sie mit ihnen in einem Wohnmobil in Urlaub gefahren?«, bemerkte Korte und ergänzte: »Dazu muss man sich persönlich sehr mögen.«

Eine gravierende Bedeutung scheint das Gericht dem getöteten Hund der Opfer beizumessen. An den Krallen seiner Hinterläufe konnten DNA-Mischspuren sichergestellt werden, die Jens Sch. dort hinterlassen haben könnte. Wie und vor allem wann sind diese Anhaftungen geschehen? Das weibliche Opfer, Dr. Helgard G., wurde zuletzt lebend gegen 16 Uhr in der Nähe des Tatortes mit ihrem Colliemischling »Benni« von Zeugen gesehen. Der Beschuldigte behauptet, am Tattag gegen Mittag in der Villa gewesen zu sein. Der Hund habe in seinem Körbchen gelegen. Falls er doch den Hund berührt hat, wären diese Spuren nach dem Gassigehen am Nachmittag nicht verwischt worden?

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