Mutter angeklagt – Kind überlebt Rumänische Arbeiterin setzt Neugeborenes aus

Gütersloh (WB). Die Staatsanwaltschaft Bielefeld hat Anklage gegen die Rumänin (39) erhoben, die im Juni ihr neugeborenes Baby in Gütersloh ausgesetzt hatte.

Von Christian Althoff
Polizeisprecher Karl-Heinz Stehrenberg aus Gütersloh zeigt die Tüte, in der der Säugling steckte.
Polizeisprecher Karl-Heinz Stehrenberg aus Gütersloh zeigt die Tüte, in der der Säugling steckte. Foto: Christian Althoff

Der Frau, die auf ihren Prozess wartet, werden versuchter Totschlag und Kindesaussetzung vorgeworfen. Sie soll jedoch zur Tatzeit vermindert schuldfähig gewesen sein.

Nachbarn des Gütersloher Media-Markts fanden am 14. Juni auf dem Parkplatz in einem Gebüsch eine rote Rewe-Tüte, in der ein wenige Stunden alter Junge wimmerte. Er überlebte.

Polizisten ermittelten Wochen später die Mutter, die als Mitarbeiterin eines Subunternehmens in der Tönnies-Fleischfabrik in Rheda-Wiedenbrück arbeitete. Sie gab sofort zu, ihr Kind unmittelbar nach der Entbindung in einer Garage in die Plastiktüte gepackt und auf dem Parkplatz versteckt zu haben. Auch wenn die Frau die Plastiktüte nicht verschloss, nahm sie offenbar dennoch den Tod ihres Babys in Kauf.

Vor zwei Wochen stellte die »Zeit« in einem mehrseitigen, kritischen Artikel über den Unternehmer Clemens Tönnies (»Der König der Schweine«) eine Verbindung zwischen dem Aussetzen des Kindes und dem Unternehmen her. Die Frau habe Angst gehabt, als Schwangere ihre Arbeit zu verlieren, schrieb die Wochenzeitung.

»Diesen Zusammenhang gab es meiner Meinung nach nicht«, sagte gestern Dr. Knut Recksiek, der Anwalt der rumänischen Arbeiterin. Er sei bei den gedolmetschten Interviews dabei gewesen, die die »Zeit« in Bielefeld geführt habe. Recksiek sagte, die Arbeit der Frau bei Tönnies werde deshalb bei der Verteidigung der Mandantin auch keine Rolle spielen.

Ein von der Staatsanwaltschaft beauftragter Gutachter geht von verminderter Schuldfähigkeit der Mutter aus. Sie leide unter einer dissoziativen Störung. Dabei werden zusammengehörende Gedanken, Informationen und Wahrnehmungen nicht miteinander verknüpft. »Bei der Geburt soll außerdem ein Gefühlssturm dazugekommen und das Handeln der Frau beeinflusst haben«, sagte Dr. Reck­siek. Er wies darauf hin, dass die Arbeit der Frau bei Tönnies auch für den Sachverständigen keine Rolle gespielt habe.

Unklar bleibt, ob die Schwangerschaft der Arbeiterin nicht von Vorgesetzten hätte bemerkt werden müssen, um die Frau dem Mutterschutzgesetz zu unterstellen. Für Schwangere gelten spezielle Vorschriften zum Beispiel hinsichtlich Arbeitszeit, Umgebungstemperatur und Sitzmöglichkeiten am Arbeitsplatz.

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