Stadt hat sämtliche 37 Exemplare entfernen lassen – Platz für neue Werbeanlagen Abschied von der Litfaßsäule

Gütersloh (WB). Es wird schwierig, heranwachsenden Kindern in Gütersloh zu erklären, was eine »Litfaßsäule« ist. Es gibt keine mehr im Straßenbild. Sämtliche 37 Säulen sind im Januar entfernt worden, um Platz für neue Werbeanlagen zu schaffen.

Von Stephan Rechlin
Aus dem Stadtbild verschwunden: Im letzten Jahr konnte man noch Litfaßsäulen in Gütersloh sehen, mittlerweile sind sie alle entfernt worden.
Aus dem Stadtbild verschwunden: Im letzten Jahr konnte man noch Litfaßsäulen in Gütersloh sehen, mittlerweile sind sie alle entfernt worden. Foto: Stephan Rechlin

Damit endet eine mehr als hundertjährige Werbegeschichte Güterslohs auf einen Schlag. Der Appell von Norbert Morkes (BfGT) im Planungsausschuss, vielleicht eine der 37 Litfaß- oder drei Uhrensäulen in Gütersloh zu erhalten, verhallte ohne Konsequenz – weder das Denkmalamt noch das Stadtmuseum fühlten sich angesprochen, vielleicht ein Exemplar aufzubewahren. Das, was draufstand, war immer schon wichtiger als die Säule selbst.

Anfangszeit

So wie die erste, 1855 in Berlin aufgestellte »Annoncier-Säule« dienten auch die um die Jahrhundertwende in Gütersloh aufgestellten Säulen dazu, den Werbe-Wildwuchs einzudämmen. Und wie in Berlin so wurde auch in Gütersloh verfügt, dass auf den Säulen neueste Nachrichten zu publizieren waren. Auf diese Weise erfuhren Gütersloher an der Strotheide, an der Friedherr-vom Stein-Straße, an der Neuenkirchener Straße oder in der Innenstadt, dass der Erste Weltkrieg ausgebrochen, dass der Kaiser aus Deutschland geflüchtet, dass die Weimarer Republik ausgerufen worden war und ein Frühstücksei jetzt 227 Millionen Papiermark kostete. Die Nachrichten wurden dort selbstverständlich ganz sachlich, objektiv und ohne den leisesten Kommentar verkündet, so wie sich das Behörden eben wünschen. Von 1933 bis 1945 entschieden die Nationalsozialisten, was sachlich und objektiv genug war, um auf die Litfaßsäule zu kommen.

Entwicklung der Litfaßsäule

1929 warb die Gütersloher Werbegemeinschaft auf den Litfaßsäulen der Stadt für die erste Michaeliswoche. Mit der Buchung dieser Werbeflächen konnte sie sicher sein, dass ihre Plakate nicht einfach von irgendjemand anderen überklebt wurden. Im Miele-Museum sind die Werbeplakate des Hausgeräte-Herstellers aus jenen und späteren Jahren auf einer dort noch vorhandenen Litfaßsäule zu sehen. Kinoprogramme, Theateraufführungen, Zigarettenmarken, leckere Liköre, Waschmittel, Dessous, Unterhosen – die Säulen hielten für alle möglichen Produkte ein kleines Plätzchen auf Zeit frei.

Auch für die politischen Parteien in der Stadt. Es ist kaum zu glauben – noch im September 2004 warben die Gütersloher Bürgermeisterkandidaten auf den Litfaßsäulen der Stadt um die Stimmen der Wähler. Zu einer Zeit also, als es schon längst die Presse, das Radio, das Internet, lokales Internet-Fernsehen und das Kino gab – die Handy-Apps folgten erst zur Wahl 2009.

Nicht einmal die auf Betonsockeln installierten Uhrensäulen haben den werbehistorischen Kahlschlag überstanden. Sie werden demnächst durch »City Light Poster« und »City-Star-Anlagen« ersetzt. Übrigens: Die Litfaßsäule wird tatsächlich mit »ß« geschrieben, weil der Berliner Drucker Ernst Litfaß sie erfunden hat.

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Kulturgut

Die Litfaßsäule ist nicht nur ein sympathischer Werbeträger. Sie hat mit ihrer langen Geschichte eine Daseinsberechtigung im Bereich der Kulturplakatierung und sollte nicht vollkommen aus dem Straßenbild verschwinden.

Denkmalschutz

Warum werden nicht ein oder zwei Lifaßsäulen unter Denkmalschutz gestellt? Da werden alte verrottete Bauernhäuser irgendwo im Wald als Denkmal ausgeschrieben, und den Besitzern auferlegt diese als Denkmal zu erhalten. Aber wenn die Stadt Gütersloh wirkliche Denkmäler mit wenig Aufwand erhalten könnte, dann schauen alle weg. Außerdem hätte die Stadt Gt noch kostenlose Werbeflächen für sich zur Verfügung gehabt.

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