Borgholzhausen: Geplante Abschiebung nach Aserbaidschan eskaliert »Lauft, die haben eine Pistole!«

Borgholzhausen(WB). In Borgholzhausen ist am Donnerstag der Versuch eskaliert, ein aserbaidschanisches Ehepaar abzuschieben . Ein Familienmitglied entriss einem Polizisten die Pistole, und die Ehefrau erlitt eine Stichverletzung.

Von Christian Althoff
Polizisten am Tatort: In der Unterkunft an der Sundernstraße in Borgholzhausen sind viele ausreisepflichtige Ausländer untergebracht.
Polizisten am Tatort: In der Unterkunft an der Sundernstraße in Borgholzhausen sind viele ausreisepflichtige Ausländer untergebracht. Foto: Christian Althoff

Vater, Mutter und zwei Töchter waren 2004 mit falschen Identitäten eingereist. Nach Ablehnung der Asylanträge und Ausschöpfung aller Rechtsmittel hatten sie Deutschland 2011 wieder verlassen – nach sieben Jahren.

2012 bekam die ältere Tochter wegen ihrer beruflichen Qualifikation (§ 18a Aufenthaltsgesetz) eine Aufenthaltserlaubnis. Sie ist inzwischen verheiratet, gilt als gut integriert und lebt mit ihrem Mann in Bielefeld.

Asylanträge der Eltern abgelehnt

2013 reisten die Eltern mit der jüngeren Tochter erneut aus Aserbaidschan ein – illegal. Die jüngere Tochter bekam für eine Ausbildung in Deutschland eine Aufenthaltserlaubnis (§ 25a Aufenthaltsgesetz), die Asylanträge der Eltern wurden abgelehnt. Erneut schöpften sie alle rechtlichen Möglichkeiten aus, um ihr Bleiben zu verlängern. In dieser Zeit sollen sie Straftaten begangen haben, angeblich auch Diebstähle. Verlässliche Informationen dazu waren am Donnerstag nicht zu bekommen.

Das Ausländeramt des Kreises Gütersloh forderte den Mann (53) und seine Frau (49) vergeblich zur freiwilligen Ausreise auf. Deshalb buchte die Behörde Abschiebeflüge, die Donnerstag um 13.40 Uhr ab Frankfurt gehen sollten.

Bei Abschiebeversuch fielen Schüsse

Der Mitarbeiter des Ausländeramts war nicht alleine, als die Abschiebung gegen 3.30 Uhr durchgesetzt werden sollte. Zwei Mitarbeiter der Gemeinde Borgholzhausen waren vor Ort, um die Wohnung zu öffnen, außerdem ein Sicherheitsdienstmitarbeiter, ein Arzt und zwei Polizisten.

In der Wohnung trafen sie nicht nur auf die Eltern, sondern auch auf die in Bielefeld lebende Tochter sowie die jüngere Tochter und deren Freund. Die Eltern weigerten sich mitzukommen. Es kam zu einem lautstarken Gerangel, bei dem einem Polizisten die Pistole entrissen wurde – nach unbestätigten Informationen von der jüngeren Tochter oder ihrem Freund.

Dann fielen mehrere Schüsse. »Ob die von einem Polizisten abgegeben wurden oder aus dem Kreis der Familie, können wir noch nicht sagen«, sagte Polizeisprecherin Sonja Rehmert. Unklar sei auch noch, ob die Schüsse gezielt abgegeben wurden. »Getroffen wurde jedenfalls niemand.«

Familie verschanzt sich in der Wohnung

»Lauft, die haben eine Pistole!«, schrie jemand nach Angaben eines Beteiligten. Die beiden Gemeindemitarbeiter rannten davon, gefolgt von dem Arzt und den beiden Streifenpolizisten. Nach Angaben der Polizei verbarrikadierte sich die Familie anschließend mit dem Ausländeramtsmitarbeiter und der Sicherheitskraft in der Wohnung.

Die Polizei ging von einer Geiselnahme aus, und das Polizeipräsidium Bielefeld übernahm. Ein Spezialeinsatzkommando rückte aus, brauchte die Wohnung aber nicht mehr zu stürmen: Die Familie ergab sich. Die Ehefrau hatte sich nach bisherigen Erkenntnissen der Polizei ein Messer in den Bauch gestoßen und kam ins Krankenhaus. Bürgermeister Dirk Speckmann wurde um 6 Uhr von der Polizei informiert. »Ich bin entsetzt über die Gewalt. Die Unterkunft besteht seit mehr als 20 Jahren, aber so etwas hat es hier noch nicht gegeben.« Der Mitarbeiter des Ausländeramts und die beiden Polizisten werden psychologisch betreut.

»Wer hofft, mit Gewalt seinen Aufenthalt zu verlängern, der irrt«

Der Kreis Gütersloh holte sich umgehend von der Staatsanwaltschaft Bielefeld die Erlaubnis, das Familienoberhaupt trotz des Vorfalls abzuschieben. Die Frau soll schnellstmöglich folgen. »Wer hofft, mit Gewalt seinen Aufenthalt zu verlängern, der irrt«, sagte Landrat Sven-Georg Adenauer.

Inwieweit sich die anderen Beteiligten eines Widerstandes, eines Verstoßes gegen das Waffengesetz oder sogar einer Geiselnahme schuldig gemacht haben könnten, müssen die Vernehmungen der Opfer und der Beschuldigten noch zeigen. Auch die umfangreiche Spurensicherung, die am Donnerstag in der Unterkunft stattfand, soll helfen, den Ablauf zu rekonstruieren.

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