Atze Schröder sorgt für Bauchmuskelkater in der ausverkauften Seidenstickerhalle Atze bleibt wie er ist

Bielefeld (WB). Ach, wie heißt es doch so schön: Alte Liebe rostet nicht. Egal ob es sich dabei um eine längst verglühte Flamme, oder einen Essener Lockenkopf mit Pilotenbrille und einer wunderschönen Stadt im Herzen Ostwestfalens handelt. Atze Schröder ist »back from the Küche um die Ecke« und beweist vor 4500 Bielefeldern in der ausverkauften Seidenstickerhalle, dass nicht alles im Leben schnell und perfekt gehen muss.

Von Vivian Winzler
Von seinem Publikum bekam Comedian Atze Schröder tosenden Beifall für sein neues Programm »Turbo«.
Von seinem Publikum bekam Comedian Atze Schröder tosenden Beifall für sein neues Programm »Turbo«. Foto: Thomas F. Starke

»Turbo« ist der Titel seines elften Bühnenprogrammes, mit dem er auch nach Bielefeld kommen musste. »Hier ist ja quasi das Monaco der Bundesrepublik«, stellt er fest. Und der Ostwestfale an sich sei ja auch einfach intelligenter und schöner als andere Menschen, erklärt er in seiner Begrüßung. Die fällt nach Atze-Manier gewohnt pompös aus: Sitzt er da tatsächlich am Schlagzeug und legt ein grandioses Drum-Set hin? Nein, es ist nur ein Atze-Doppelgänger mit Lockenkopf. Der »echte« Atze lässt es sich nicht nehmen, auf einem mit Lichterketten verzierten Cruiser-Bike auf die Bühne zu fahren. Von der ersten Minute an weiß das Publikum genau, was zu tun ist. »Hallo Bielefeld!«, begrüßt er seine Zuschauer. »Hallo Atze!« hallt es einstimmig zurück.

Neben Komik kommt auch Kritik

Es folgen 90 Minuten voll »Bauchmuskelkater«, die Schröder gleich zu Beginn versprochen hatte. Neben ein paar flachen Gags über Bäume, die Wurzelbehandlungen benötigen, wird das Programm äußerst persönlich. Schröder kritisiert den Zeitgeist unserer Gesellschaft, in der alles höher, schneller, besser sein muss. »Turbo«, tauft er dieses Phänomen. Es geht um Turbo-Politik, Turbo-Beziehungen, Turbo-Abi und Turbo-Rentner, die ihre Rollatoren mit Motoren pimpen. Die deutsche Popkultur wird ebenfalls nicht verschont. So ist Tim Bendzko »Keine Maschine«, dafür aber ein »Lappen«, und Mark Forster wirbt in Zukunft wohl eher für den Thermo-Mix als eine Porno-Produktion. Uli Hoeneß tritt im Knast den »Banditos« bei und in Versmold gibt ein neues Bordell namens »Paris St. Germain«. Zumindest wenn es nach Atze geht.

Über die nationale Grenze trifft Atze mit Gags über den Islamischen Staat (»Keine Sorge – wenn schon, werde ich heute erschossen«) und die traditionelle Küche der Mongolen (»Wahnsinn, die haben das All-you-can-eat-Buffett erfunden!«). Er erzählt von Jugendlichen, die Goethe stets mit Elyas M’Barek verwechseln, und bedient sich zur Belustigung an deutschen TV-Formaten wie »Bauer sucht Frau«.

Wer steckt unter der gelockten Perücke?

Gab es alles irgendwie schon, wolle man meinen. Seine Fans nehmen ihm das aber nicht übel. »Euer Atze bleibt, wie er ist«, verspricht er seinem Publikum.

Seit 23 Jahren ist er im Geschäft. Die fiktive Kunstfigur hat eine beeindruckende Karriere als Kunstturner hingelegt und studierte eine Zeit lang Soziologie, bis er sich Mitte der 80er Jahre ganz der Comedy widmete. Wer unter der gelockten Perücke steckt, ist nicht bekannt. Fest steht, dass Schröder Einblicke ist sein Privatleben gar nicht lustig findet: 2006 verklagte er die Weser-Zeitung, die seinen bürgerlichen Namen veröffentlichte. Auch vor einer Klage gegen Arne Klempert, Herrn Wikipedia höchstpersönlich, schreckte Atze nach der Bekanntgabe seines Namens auf der Plattform nicht zurück.

Das spielt am Samstagabend aber keine Rolle: Seine Fans fordern zwei Zugaben. Mitnehmen tun sie Einiges: Manchmal muss es nicht der Porsche sein – es reicht schon eine schicke Badehose, um sich gut zu fühlen. Und »Turbo« bitte nur da, wo es notwendig ist – zum Beispiel bei dem begeisterten Beifall am Ende einer großartigen Show.

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