Pensionierte Bielefelder Polizisten sprechen über Gladbecker Geiseldrama »Wir hätten etwas tun können«

Köln/Bielefeld (WB). Den zweiten Teil des ARD-Films »Gladbeck« sahen am Donnerstag längst nicht mehr so viele TV-Zuschauer wie den Auftakt am Mittwoch. Statt fünf guckten nur vier Millionen zu. Der frühere Bielefelder Polizist Martin Schultz, der damals bei dem Geiseldrama im Einsatz war, hat ihn sich gar nicht angeschaut.

Von Matthias Band
Die Geiselnehmer Dieter Degowski (links) und Hans-Jürgen Rösner stehen in dem in Bremen gekaperten Linienbus. Vorne sitzen die später getötete Silke Bischoff (links) und ihre Freundin Ines Falk.
Die Geiselnehmer Dieter Degowski (links) und Hans-Jürgen Rösner stehen in dem in Bremen gekaperten Linienbus. Vorne sitzen die später getötete Silke Bischoff (links) und ihre Freundin Ines Falk.

»Das wollte ich mir nicht antun. Ich bin immer noch angefressen. Es hat mich sehr geärgert, wie das damals gelaufen ist. Wir hätten etwas tun können«, sagt Schultz (67), der 1988 dem Bielefelder Mobilen Einsatzkommando (MEK) angehörte.

»Wir haben am Kreuz Bad Oeynhausen übernommen und das Fluchtauto observiert.« Es habe mehrere Zugriffsmöglichkeiten gegeben – unter anderem an der Raststätte Rhynern an der A2 bei Hamm. »Das war eine super günstige Gelegenheit, aber keiner konnte sich entscheiden. Wir kriegten kein Grün für den Zugriff.« Später erfuhren die Mitglieder des MEK, was in Bremen passierte. »Da waren wir alle bedient. Das war ein Gefühl zwischen zornig und erschüttert.«

»Emotional sehr aufgewühlt«

Sein ehemaliger Kollege Friedhelm Burchard (64), der damals Gruppenführer beim Bielefelder Spezialeinsatzkommando (SEK) war und in Gladbeck den Fluchtwagen, einen weißen Audi 100, für Hans-Jürgen Rösner und Dieter Degowski vor die Filiale der Deutschen Bank fuhr, hat sich den Zweiteiler hingegen gemeinsam mit seiner Frau angeschaut. »Ich war danach emotional sehr aufgewühlt und wurde auch wieder wütend. Ich hatte das Gefühl, alles sei erst ein paar Monate vorbei.«

Den Film fand der 67-Jährige »sehr gut«. »Er war sehr nah an der Realität, bis auf ein paar Kleinigkeiten, die nicht passten«, sagt Burchard. Vor allem die schauspielerische Leistung von Sascha Alexander Geršak als Rösner und Alexander Scheer als Degowski lobt Burchard: »Das war schon top gespielt.« Die Mimik und die ganze Art und Weise, wie die Täter agierten, sei sehr gut wiederge­geben worden.

Darüber hinaus sei die ganze Unfähigkeit der Politiker, der Polizeiführung und das Fehlverhalten der Journalisten deutlich geworden, die auf der Jagd nach Neuigkeiten sämtliche Grenzen überschritten: Vor laufenden Kameras wurden die Verbrecher interviewt, während sie in Bremen Geiseln in dem Bus in ihrer Gewalt hatten. In Köln gaben Journalisten den Geiselnehmern Hinweise auf verdeckte Ermittler.

»Es fehlte damals an politischen Entscheidungen, an Führung der Spezialkräfte und es fehlte Mut, vor allem in Bremen«, sagt Burchard. Die schlechteste Entscheidung sei es gewesen, die Geiselnehmer am dritten Tag des Dramas unbedingt daran hindern zu wollen, Nordrhein-Westfalen wieder zu verlassen. Der Zugriff auf der A3 bei Bad Honnef am 18. August 1988 führte schließlich zum Tod der 18-jährigen Silke Bischoff.

Burchard lobt ebenfalls, dass am Donnerstabend im Anschluss an den Film in der ARD noch eine 45-minütige Dokumentation über das Geiseldrama und dessen Folgen ausgestrahlt wurde. »Die Doku war sehr sachlich und mit vielen Originalaufnahmen gespickt. Gerade für junge Leute ist das gut. So konnten sie sehen, dass es genauso wie im Film war. Das hilft auch bei der Einordnung.«

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