Symposium an der Uni Bielefeld widmet sich sowjetischen Kriegsgefangenen Schicksale treten aus dem Schatten

Schloß Holte-Stukenbrock/Bielefeld (WB). Sowjetische Kriegsgefangene waren die zweigrößte Opfergruppe des Zweiten Weltkriegs. Ihnen ist das Symposium gewidmet, das die Fakultät für Geschichtswissenschaft der Universität Bielefeld am Freitag und Samstag, 23. und 24. März, ausrichtet.

Von Monika Schönfeld
Der damalige Bundespräsident Joachim Gauck hat dem ehemaligen Kriegsgefangenen Leo Frankfurt im Mai 2015 in der Gedenkstätte Stalag die Hand gereicht. Mit dabei (von links) der Geschäftsführer der Gedenkstätte, Oliver Nickel, Bürgermeister Hubert Erichlandwehr, Angehörige verstorbener Kriegsgefangener und Schüler des Gymnasiums Schloß Holte-Stukenbrock.
Der damalige Bundespräsident Joachim Gauck hat dem ehemaligen Kriegsgefangenen Leo Frankfurt im Mai 2015 in der Gedenkstätte Stalag die Hand gereicht. Mit dabei (von links) der Geschäftsführer der Gedenkstätte, Oliver Nickel, Bürgermeister Hubert Erichlandwehr, Angehörige verstorbener Kriegsgefangener und Schüler des Gymnasiums Schloß Holte-Stukenbrock. Foto: Oliver Schwabe

Ebenso wie der Arbeitskreis »Blumen für Stukenbrock« erinnert die Dokumentationsstätte Stalag (Stammlager) 326 in Stukenbrock-Senne mit dem dazugehörigen Ehrenfriedhof an das größte Lager der Deutschen Wehrmacht für sowjetische Kriegsgefangene auf dem Gebiet des Deutschen Reichs. Die Leitung des Symposiums hat Professor Dr. Thomas Welskopp (Universität Bielefeld, im Gebäude X, Raum X-B2-103).

Gedenkstätte von bundesweiter Bedeutung

»Das Schicksal 5,3 Millionen sowjetischer Kriegsgefangener aus dem Erinnerungsschatten herausholen!« Der damalige Bundespräsident Joachim Gauck hatte zum 70. Jahrestag des Kriegsendes im Mai 2015 in Stukenbrock mit diesen Worten einen Aufruf zur Weiterentwicklung der bestehenden Dokumentationsstätte zu einer Gedenkstätte von bundesweiter Bedeutung formuliert. Dies ist auch der Anlass für das wissenschaftliche Symposium an der Universität Bielefeld. Die Bielefelder Initiative ist mit den gleichgerichteten Bemühungen des Landtagspräsidenten André Kuper abgestimmt. Sie stützt sich darüber hinaus auf einen entsprechenden einstimmigen Beschluss des Landtages von NRW vom 25. November 2016.

Die besondere Bedeutung der Gedenkstätte Stalag 326 in Stukenbrock besteht darin, dass die Leiden, Misshandlungen und das willkürliche Verhungernlassen der sowjetischen Kriegsgefangenen bis heute keinen anderen würdigen Gedenkort von überregionaler Bedeutung in Deutschland gefunden haben.

»Erinnerungsbogen«

Die Geschichte ist 1945 aber nicht stehengeblieben. Die Nachkriegsgeschichte des Stalag-Geländes stößt Lernprozesse über den Umgang mit einer schwierigen deutschen Vergangenheit an und eröffnet Ausblicke in eine Zukunft, die sich von der Zeit der Diktatur und dem Beschweigen im Kalten Krieg löst. Angeregt wird ein Dialog über angemessene Erinnerung und Neuorientierung im Verhältnis zu Russland. Die Gedenkstätte ist insbesondere für die jetzige Generation wichtig. Das soll in die Gesamtkonzeption einer erweiterten Gedenkstätte einbezogen werden. Darüber hinaus kann in Stukenbrock ein »Erinnerungsbogen« vom Kriegsgefangenenlager über das Internierungslager für Nationalsozialisten zum Flüchtlingslager in der Nachkriegszeit gespannt werden.

Das Symposium an der Universität Bielefeld soll den internationalen Forschungsstand zum Komplex »sowjetische Kriegsgefangene« im Zweiten Weltkrieg erarbeiten und in den Zusammenhang stellen. Die von wissenschaftlichen Experten vorgesehenen Beiträge sollen Diskussionen anregen und damit die Erweiterung inhaltlich unterstützen. Es sind jeweils Vorträge von einer halben Stunde mit einer anschließenden halbstündigen Diskussion geplant.

Das Programm Freitag, 23. März

13 Uhr Thomas Welskopp (Bielefeld): Einführung, Begrüßung durch den Landtagspräsidenten André Kuper, Gesprächsleitung Constantin Goschler (Ruhruniversität Bochum)

13.30 Uhr Andreas Hilger (Hamburg, Deutsches Historisches Institut Moskau): Verwahren, Aussondern, Verhungernlassen – die Wehrmacht und sowjetische Kriegsgefangene im Zusammenhang des Unternehmens Barbarossa

14.30 Uhr Thomas Welskopp (Bielefeld): Verantwortung und Handlungsspielräume der Wehrmacht im Unternehmen Barbarossa

15.30 Uhr Christian Streit (Heidelberg): Sowjetische Kriegsgefangene der Wehrmacht im Spiegel der wissenschaftlichen Forschung und bundesdeutschen Erinnerung

17 Uhr Reinhard Otto (Lemgo): Sowjetische Kriegsgefangene in Konzentrationslagern

18 Uhr Alexander von Plato (Hagen): Sowjetische Kriegsgefangene als Zwangsarbeiter in der Landwirtschaft, Infrastruktur und Industrie des Dritten Reiches

Samstag, 24. März

9 Uhr Gesprächsleitung: Falk Pingel (Bielefeld/Georg-Eckert-Institut Braunschweig)

9.15 Uhr Jörg Morré (Deutsch-Russisches Museum Berlin-Karlshorst): Chancen deutsch-russischer Zusammenarbeit in der Erinnerungspolitik zum Zweiten Weltkrieg

10.15 Uhr Nikita Petrov (Memorial, Moskau): The Politics of Memory in Russia Today

11.15 Uhr Thomas Lutz (Gedenkstättenreferat Topographie des Terrors): Gedenken an sowjetische Kriegsgefangene – Anforderungen an Gedenkstättenarbeit heute

13 Uhr Rolf Keller (Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten, Celle): Sowjetische Kriegsgefangene im NS-Lageruniversum

14 Uhr Oliver Nickel (Gedenkstätte Stalag 326): 25 Jahre Gedenkstätte Stalag 326 (VI K) Senne: Ein Überblick. Anfänge – Gegenwart – Perspektiven

15 Uhr Abschluss Podiumsdiskussion: Thomas Welskopp, Oliver Nickel, Jürgen Heinrich (Bielefeld), Falk Pingel

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