Kunstverein: neue Doppelausstellung Moyra Davey und die Pennys

Bielefeld (WB). Immer wieder Abraham Lincoln: Das Profilbild des 16. US-Präsidenten ziert den amerikanischen Penny seit 1909. Es sind Münzen im Umlauf, die abgegriffen sind, verätzt, erodiert, deren Oberfläche aussieht wie eine Mondlandschaft. Dieser Penny hat die Künstlerin Moyra Davey zu einer Foto-Serie inspiriert.

Von Sabine Schulze
Thomas Thiel inmitten der »Copperheads«. Jede Münze zeigt eigene Spuren.
Thomas Thiel inmitten der »Copperheads«. Jede Münze zeigt eigene Spuren. Foto: Bernhard Pierel

Der gebürtigen Kanadierin, die in New York lebt, widmet der Kunstverein seine neue Ausstellung mit dem Titel »Hell notes«. Sie läuft bis zum 8. April. Parallel dazu wird im ersten Stock der neue Parkettboden gezeigt: gelegt von dem Bielefelder Mathias Sander und Mitarbeitern – und ebenfalls Kunst. Doch dazu später.

Moyra Davey, 59, ist Fotografin, Filmemacherin und Autorin. Ihre Ausstellung wird optisch dominiert von den Pennys, die nach klarer Vorgabe gehängt sind. Davey hat für dieses Projekt »Copperheads« von einzelnen Münzen eine Makrofotografie angefertigt, sie auf großes Fotopapier gezogen und dieses zu Briefumschlägen gefaltet. Die hat sie mit farbigen Klebestreifen fixiert und an Familie, Freunde und vor allem an die Mitarbeiter der Galerien, mit denen sie arbeitet, verschickt. Wieder auseinander gefaltet, bilden sie eine umfangreiche Serie, bei der Absender, Adressaufkleber, die bunten Tapes und die Briefmarken – nicht zufällig ausgewählt – sichtbar sind.

Super-8-Film der Künstlerin

Inmitten der »Copperheads« wird ein 1990 entstandener, just aufgearbeiteter Super-8-Film der Künstlerin gezeigt. Man erlebt Davey in ihrem Appartement bei alltäglichen Verrichtungen – Ausnahme: das Brutzeln von Pennys in heißem Fett – oder auf einer Parkbank sitzend, sieht Wahrzeichen von New York und hört dabei den Monolog der Künstlerin über Geld (in ihren ersten New Yorker Jahren rar), Freud oder Luther.

Im Souterrain dann einige wenige Schwarz-Weiß-Fotografien und, hinter einem Vorhang, in einer Dauerschleife drei Filme von insgesamt 120 Minuten Länge: eine Trilogie, die sehr persönlich ist, mit ihren fünf Schwestern bekannt macht, thematisiert, dass die Künstlerin ihren Sohn nur schwer loslassen kann und ihre eigene Rolle als Fotografin bei Familienfesten reflektiert. Über allem ihr Gedankenfluss, ein irgendwie monotoner Monolog, mit ruhiger Stimme gesprochen – selbst wenn es um den fatalen Sturz des Vaters vom Dach seines Hauses geht. Davey, die selbst mit ihrer Kamera Fremde ungefragt filmt, macht den Betrachter ein wenig zum Voyeur ihres Lebens.

In den Räumen: nichts

Und dann ist da noch die »Ausstellung« im ersten Stock, dem Bielefelder Tischler und Parkettleger Mathias Sander und seinen Mitarbeitern Stephanie Keller, Kristijan Jozic und Ante Sarvcevic gewidmet. In den Räumen: nichts. »Durch das Weglassen wird der Raum, der neue Parkettboden zur Kunstausstellung«, sagt Thomas Thiel, Leiter des Kunstvereins. Und so hat die Arbeit auch einen Titel: Silber-Grau 2018.

Dass der neue Boden Kunst und Sander damit Künstler ist, hat er Florence Jung zu verdanken: Die Schweizerin hatte die Einladung zu einer Ausstellung, verzichtete zugunsten des Parkettlegers und deklarierte seine Arbeit als Kunst. Dass sie sich damit sein Werk aneignet, findet sie nicht, im Gegenteil: »Ich bereite ihm eine Bühne.« Ohne diese Intervention oder »Transformation« wäre das Parkett übrigens genauso gut verlegt worden. Aber Kunst? Nur ganz, ganz schwer nachvollziehbar. Ein Schelm, wer an des Kaisers neue Kleider denkt.

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