Kettcar spielen vor 2000 Fans ein Konzert im Ringlokschuppen Politisch klar positioniert

Bielefeld (WB/pan). »Wenn du das Radio ausmachst, wird die Scheißmusik auch nicht besser«, heißt es in »Trostbrücke Süd«. Dass die Musik allerdings richtig gut wird, wenn das Radio ausgedreht und die Regler bei einem Liveauftritt hochgeschoben werden, bewiesen Kettcar am Freitagabend im Ringlokschuppen.

Kettcar beim Auftritt im Ringlokschuppen.
Kettcar beim Auftritt im Ringlokschuppen. Foto: Thomas F. Starke

Mit der als Allegorie auf das Ausblenden der Realität gedachten musikalischen Busfahrt »Trostbrücke Süd« aus ihrem neuen Album »Ich Vs. Wir« eröffneten die Hamburger am Freitagabend ihr Konzert, das neben neuen Titeln auch zahlreiche Klassiker der deutschen Indie-Rockgruppe auf der Setlist vereinigte.

»Kettcar sind wieder da, wow – und ihr seid auch wieder da, wir wissen das zu schätzen«, ruft Sänger Marcus Wiebusch den 2000 Fans entgegen. Die sind, so meint er, sichtbar älter geworden. Aber wer könnte es ihnen auch verdenken bei der langen Wartezeit? Vier Jahre dauerte die Auszeit der inzwischen selbst ergrauten Eminenzen von Kettcar, die dank Wiebuschs markanter Stimme noch immer so klingen wie zu ihren besten Zeiten auf den ersten beiden erfolgreichen Tonträgern »Du und wieviel von deinen Freunden« und »Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen«.

Inhaltlich hat sich der Fokus der immer noch zwischen Pop und Deutschrock schwankenden und hörbar Punk- und Hardcore-sozialisierten Band allerdings verschoben. Während früher vor allem das Geschichtenerzählen und die poetische Metaphernkreation im Mittelpunkt der Texte standen, sind es jetzt weniger subtile Aussagen.

Lied zur Flüchtlingsthematik

Mit der neuen Single »Sommer ‘89 « positionieren sie sich klar zur Flüchtlingsthematik. Westdeutsche Fluchthelfer an der Grenze zur DDR werden als Beispiel für eine Menschlichkeit herangezogen, die heutzutage manchmal fehlt.
In »Wagenburg« rechnen sie mit rechten Strömungen ab: »Ein Wir ist Volk, Nation, Gesinnung, ist Gang, ist Mob und hängt Verräter. Ein Wir will öffentlichen Raum, ein Ich will seinen Teil vom Kuchen. Überall besorgte Bürger, die besorgte Bürger suchen«.

Und auch in der mit Fußball-Metaphern durchzogenen »Mannschaftsaufstellung« singen Kettcar ihren Frust auf den politischen Rechtsruck hinaus. »Wir bilden eine Mauer, machen alle Räume dicht mit einem Populisten, der durch die Abwehr bricht«

Klare politische Statements und Gesellschaftskritik

Klare politische Statements und Gesellschaftskritik haben Kettcar mit ihren neuen Stücken mitgebracht zum Konzert, aber letzten Endes sind es dann nicht diese voller Idealismus getexteten Lieder, sondern Liebeslieder wie »Balu«, bei denen die Fans am lautesten die bekannte Zeile »Du bist New York City und ich bin Wanne-Eickel« voller Begeisterung mitsingen.
»Ich hab’ die Vorstellung, dass die Band noch so lange Musik macht, bis es keinen Unterschied mehr gibt zwischen Politsongs und Liebesliedern«, sagt Marcus Wiebusch selbst. Noch ist es nicht soweit, auch wenn beide Genres ihre Berechtigung haben.

Zum Glück, könnte man auch sagen, denn solange diese Differenz nicht aufgehoben ist, haben Kettcar ja immer noch einen Grund zurückzukommen für weitere Auftritte.
Beim nächsten Mal aber gerne etwas länger, eineinhalb Stunden Konzert sind dann doch etwas wenig, wenn man bedenkt wie viele gute Lieder Kettcar auf insgesamt fünf Alben schon veröffentlicht haben.

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