»Chiffren« erlebt deutsche Erstaufführung im Bielefelder TAM Spionage statt Stuss

Bielefeld (WB). Die Briten haben ein Herz für Spione: für James Bond 007 ebenso wie für George Smiley, die für den MI6, den Auslandsgeheimdienst, als Agenten ihrer Majestät arbeiten. Auch die Britin Dawn King hat fürs Theater eine Spionagegeschichte geschrieben: »Chiffren«.

Von Burgit Hörttrich
Erstaufführung: Thomas Wehling (Koplov/Vater) und Laura Maria Hänsel (Justine/Kerry) versuchen, die »Chiffren« zu entziffern.
Erstaufführung: Thomas Wehling (Koplov/Vater) und Laura Maria Hänsel (Justine/Kerry) versuchen, die »Chiffren« zu entziffern. Foto: Philipp Ottendörfer/Theater Bielefeld

Das Stück erlebte am Samstag im Bielefelder Theater am Alten Markt (TAM) seine gefeierte deutschsprachige Erstaufführung.

»Chiffren« erzählt seine Geschichte nicht chronologisch. Die vier Schauspieler spielen acht Rollen, sie wechseln die Identität so schnell wie die Sprache: Es wird auch Russisch und Japanisch geredet, szenenlang. Denn Justine arbeitet für den Geheimdienst. Sie wollte »was Richtiges« machen, »das etwas bedeutet, nicht wieder den gleichen Stuss für irgendein Unternehmen«. Nun gut, sie lässt sich auch rekrutieren, weil sie arbeitslos ist und Miete und Essen zahlen muss.

Souveräner Auftritt trotz häufiger Rollenwechsel

Schnell lässt sie sich aber von der Geheimniskrämerei und der Selbstüberschätzung beim MI6 infizieren. Schließlich kann jedes harmlose Telefonat eine Verabredung von Terroristen sein. Kareem, der Sozialarbeiter, wird ihr Informant – mittels Erpressung. Als Justine den verheirateten Künstler Kai kennenlernt, wird auch ihr Privatleben zum Versteckspiel, zumal Kais Frau Anoushka, seine einzige Mäzenin, rasend eifersüchtig ist. Sie hat Kai in ihre »Sammlung« aufgenommen, betrachtet ihn als eine Investition, während er die Ehe als »Gesamtpaket« sieht.

Als Julya wird Justine Doppelagentin und ist bereit, alles dafür zu tun, Ergebnisse zu bringen. Koplov, der Russe: »Du schläfst mit mir, um deinem Land zu helfen?« Bis die Dinge außer Kontrolle geraten und Justine zu Tode kommt. Wie und durch wen, das will ihre Schwester Kerry herausfinden und rennt doch nur gegen Wände, sucht nach der Wahrheit, aber findet nur alternative Fakten.

Atmosphäre und Ortswechsel durch farbiges Licht

Atmosphäre und Ortswechsel durch farbiges LichtDie vier Schauspieler Laura Maria Hänsel (Justine, Kerry), Lukas Graser (Kai, Kareem), Doreen Nixdorf (Anoushka, MI6-Vorgesetzte Sunita) und Thomas Wehling (Koplov, Peter) meistern das Hin und Her zwischen ihren Figuren souverän. Zumal sich der Personentausch optisch allenfalls durch Sprache, Gestik oder mal eine Zigarette, eine auf- oder abgesetzte Brille zeigt. Trotzdem ist das nicht irritierend oder schwierig zu verfolgen.

Die Guckkastenbühne (Steffi Wurster), gerahmt wie ein Schminkspiegel mit Glühbirnen, ist weiß, es gibt weder Kulisse noch Requisiten. Regisseur Bernhard Mikeska erzeugt Atmosphäre und Ortswechsel durch farbiges Licht, vor allem aber durch Töne (Sounddesign: Tobias Vethake): Fluglärm, Vogelgezwitscher, Stimmengewirr in einem Jugendzen­trum. Die Bild- und Klangsprache lenkt vom Verwirrspiel auf der Bühne zwischen den Agenten und den Ahnungslosen nicht ab. Letztlich sind doch alle nur Schachfiguren auf dem Spielbrett von Chefs wie Sunita und Koplov, die die Regeln bestimmen.

Das Kaninchen lebt

Eine (Publikums-)Frage kann an dieser Stelle definitiv geklärt werden: Ja, das Kaninchen in der ersten Szene lebt. Es heißt Minnie, gehört Jasmin Falke und ist – wie vom Theater verlangt – furchtlos. Eben kein Hasenfuß. Und kommt in der letzten Videosequenz buchstäblich groß raus.

Der Fall um Justines Tod aber bleibt offen – alles eine Sache der Interpretation.

Die weiteren Aufführungen: 26. Januar, 4., 16., 27. Februar, 1., März, 18./19. 25. April, 5., 26. Mai. Karten gibt es beim WESTFALEN-BLATT (Tel.: 0521/5299640).

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