Der multimediale Tanzabend »hautnah« von Simone Sandroni eröffnet einen sinnlichen Erlebnispark Der Stoff aus dem die (Alb)-träume sind

Bielefeld (WB). Über viele Jahrzehnte prägte die Textilindustrie das Leben in der Leinenstadt. Nun setzt sich der multimediale Tanzabend »hautnah« nicht explizit mit der Bielefelder Geschichte der Textilindustrie auseinander, gleichwohl trägt er vor Ort mit den Mitteln der darstellenden und abbildenden Kunst ein Stück weit zur Reflexion des städtischen Strukturwandels bei.

Von Uta Jostwerner
Extravagante Mode kann auch zum Käfig werden, verdeutlicht Ines Carijó in dem Tanzabend »hautnah«.
Extravagante Mode kann auch zum Käfig werden, verdeutlicht Ines Carijó in dem Tanzabend »hautnah«. Foto: Theater/Joseph Ruben

Im Rahmen des vom Bund geförderten Projekts »Stoff« hat sich ein Team aus verschiedenen Disziplinen bereits vor einem Jahr auf eine künstlerische Recherche begeben. Aufgegriffen wurden Aspekte wie die Entwicklung der Textilindustrie mit ihrer Technisierung und ihrem Gewinnstreben, aber auch der Aspekt der Mode und des Modediktats. Aus einer umfassenden Materialsammlung entstand in den vergangenen Wochen eine konzentrierte Performance, in der Tanz, Video, Fotografie, Bühne, Kostüme und Sound zu einem beeindruckenden Gesamtkunstwerk verschmelzen. Wie Kette und Schuss werden die einzelnen Bausteine passgenau zu einem einmaligen Gewebe verwoben.

Simone Sandroni, der künstlerische Leiter der Sparte Tanz am Theater Bielefeld, holt in seiner neuesten Produktion weit aus. Alles beginnt mit der Entstehung der Arten. Aus einem Meer aus weißem Stoff entweichen primitive Lebewesen. Sie robben über den Boden und richten sich allmählich auf. Immer neue Arten entstehen. Die Tänzerinnen und Tänzer bewegen sich wie Vögel, Raubtiere oder Affen, sie tragen plötzlich Fell oder ein Federkleid.

Visuelle Anreicherung

Je komplexer die Lebewesen werden, um so stärker verdichtet sich der Klang, den die Sounddesigner Vivan und Ketan Bhatti aus mechanischen Geräuschen und Rhythmen generieren. Parallel dazu erfolgt auch eine visuelle Anreicherung. Ein einzelner Faden, der auf eine riesige Stoffleinwand projiziert wird, wird ununterbrochen dupliziert. Mit der menschlichen Existenz – die Ensemblemitglieder bewegen sich nunmehr im aufrechten Gang und haben Felle gegen stoffliche Kleidung ausgetauscht – wächst auch der technische Fortschritt. Konrad Kästners Videos zeigen immer komplexere Produktionssequenzen und inzwischen zucken die Tänzer mechanisch im Takt der Maschinen.

In der Eintönigkeit der Produktionsbedingungen herrscht ein harter Behauptungskampf. In kraftvollen und aggressiven Tanzsequenzen wie einem Hammertanz kommt dies zum Ausdruck. Dazu hämmert ein quälender Technosound. Auf dem Höhepunkt malträtiert ein Samurai-ähnlicher Krieger das Tanz-Kollektiv bis zur Unerträglichkeit.

Doch der Stoff hat auch seine sinnlichen Seiten, er umschmeichelt seine Träger und wird in der Inszenierung mal zu einem organisch fließenden Bühnenbild, mal zu einer stofflichen Skulptur (Eylien König). Die Szenen, in denen Mensch, Stoff und Fotoprojektionen (Kathrin Ahäuser) miteinander zu verschmelzen scheinen, sind reine Poesie.

Verschiedenste Aspekte des Themas Stoff

Die Kehrseite folgt abrupt: Eine Videoeinspielung zeigt Aufnahmen von der Eröffnung des Einkaufszentrums Loom im Oktober in Bielefeld. Eine Art Massenhysterie und ein Run auf Billigmode, als ginge es ums nackte Überleben.

Kleidung bietet Schutz – soviel zeigen die an Panzer erinnernden Kostüme von Eylien König. Gleichzeitig ist Mode ein Statussymbol und ein Mittel, sich durch Extravaganz von der Masse abzuheben. Wer es dabei übertreibt, ist schon mal ungewollt in einem Käfig gefangen.

Der Tanzabend »hautnah« vereint verschiedenste Aspekte des Themas Stoff auf eine sinnlich nachvollziehbare Art. Neben den zahlreichen audio-visuellen Eindrücken sind es vor allem aber die Tänzerinnen und Tänzer, die in ihrer dynamischen und nuancenreichen Bewegungssprache ein abstraktes Thema physisch nachvollziehbar machen.

Weitere Aufführungen laufen bis Februar im Tor 6 Theaterhaus.

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