Im Gespräch mit BAP-Gründer – Konzert in Bielefeld am 5. Oktober Niedecken: »Keith Richards war wichtiger als Rudi Dutschke«

Köln/Bielefeld (WB). Mit 17 Jahren erlebte Wolfgang Niedecken, wie die 68er zur Bewegung wurden. Seine Band BAP stand in der Tradition der gesellschaftlichen Öffnung und der Kritik am Staat. Im Gespräch mit Andreas Schnadwinkel blickt der 66-jährige Kölner auf 1968 und die Einflüsse auf BAP zurück.

BAP-Chef Wolfgang Niedecken erinnert sich gut an 1968 und an den Konflikt mit seinem Vater, der in der Nazi-Zeit Mitglied der NSDAP war.
BAP-Chef Wolfgang Niedecken erinnert sich gut an 1968 und an den Konflikt mit seinem Vater, der in der Nazi-Zeit Mitglied der NSDAP war. Foto: dpa

Herr Niedecken, 1968 waren Sie 17 Jahre alt. Waren Sie ein Jung-68er?

Wolfgang Niedecken: Eher nicht. Ich habe mitbekommen, was die etwas Älteren plötzlich alles anders dachten. Ich war vielleicht zwei Jahre zu jung, um das selbst unmittelbar zu erleben. Aber die Auswirkungen habe ich natürlich gemerkt.

Wie haben Sie 1968 empfunden?

Niedecken: Wie die echten 68er auch war ich vom Vietnamkrieg politisiert. Dieser Krieg war für unsere Generation das einschneidende Ereignis. Da begannen wir an dem zu zweifeln, was unsere Väter erzählten. Das habe ich mit vielen gemeinsam.

Wann waren Sie zum ersten Mal aus politischem Antrieb auf der Straße?

Niedecken: Das muss 1969 gewesen sein, als wir gegen die Hungerblockade der Regierung Nigerias gegen die Republik Biafra demonstrierten. Da marschierten wir in Bonn von der britischen zur sowjetischen Botschaft.

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Wir waren die erste Generation nach dem Dritten Reich, die etwas in Frage stellte.

Wolfgang Niedecken

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Ist Ihre Biografie mit einem Vater, der Mitglied der NSDAP war, typisch für die Zeit um 1968?

Niedecken: Das war bei vielen so ähnlich. Bei meinem Vater kam das für mich sehr überraschend, weil ich sehr eng mit meinem Vater war. Aber es war eben auch bei mir so: Jungs in der Pubertät messen sich an ihren Vätern. Mein Vater war ein unglaublich lieber Mensch. Und er war auch so lieb, dass er ein Mitläufer war. Er hatte sich von der NSDAP vereinnahmen lassen, weil er dachte, es wäre das Beste für seine Familie. Ich kann heute ganz klar sagen: Mein Vater war kein Nazi. Und im Rückblick betrachtet, da war ich als junger Mensch, der seine Ideale entdeckte, auch ziemlich selbstgerecht. Wir waren natürlich davon überzeugt, Widerstandskämpfer zu sein. Wir mussten ja noch erwachsen werden. Aber in dem Alter steht einem diese Selbstgerechtigkeit noch zu.

Was war der Anlass dafür, Ihren Vater mit der Vergangenheit zu konfrontieren?

Niedecken: Der Anlass war ein Film über die Vernichtung der Juden, den ich gesehen hatte. Bei den Bildern eines Baggers, der Leichenberge zusammenschiebt, fragte ich mich, was meine Eltern zu dem Zeitpunkt gemacht hatten. Warum konnten die das zulassen? Solche Fragen stellte ich zu Hause, und dann kam der Vietnamkrieg dazu. Mein Vater meinte, dass der Einsatz der USA in Vietnam richtig war.

Und Sie waren überzeugt, dass Ihr Vater im Unrecht war?

Niedecken: Die Tragweite von dem, was da »Weltrevolution« genannt wurde, hatten wir natürlich noch nicht auf dem Schirm. Dann kamen irgendwelche linken Ideologen dazu, die meinten, dass die Welt mit dem Kommunismus gerechter wäre. Ganz ehrlich: Die waren mir damals schon verdächtig und sind es immer noch.

Was war denn 1968 neu und anders?

Niedecken: Wir waren die erste Generation nach dem Dritten Reich, die etwas in Frage stellte.

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Der Name BAP war eine Sekundenentscheidung

Wolfgang Niedecken

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Der Bandname BAP bedeutet in kölscher Mundart »Vater«. Gab es bei der Gründung von BAP 1976 einen Bezug zu Ihrem Sohn-Vater-Verhältnis?

Niedecken: Nein, gar nicht. Der Name BAP war eine Sekundenentscheidung. Wir hatten gar nicht unbedingt vor, öffentlich aufzutreten, als uns ein anderer Student fragte, ob wir bei der Demonstration gegen den geplanten Bau der Kölner Stadtautobahn spielen wollten. Wir ließen uns überreden und brauchten spontan einen Namen. Da rief unser Gitarrist: »Nimm Bapp, aber lass das zweite P weg, das sieht auf dem Plakat besser aus.« Hintergrund war, dass »Bapp« mein Spitzname war, weil ich immer Anekdoten von der ausgeprägten Sparsamkeit meines Vaters erzählten sollte. Er hätte in jedem Schottenwitz der Hauptdarsteller sein können.

Wie stark waren die Einflüsse von 1968 auf BAP?

Niedecken: Von 1968 bis 1976, als wir BAP gründeten, war ja noch eine Menge passiert. Die Einflüsse waren also eher grundsätzlich. Vieles hätte sich bei BAP und mir ohne die 68er-Bewegung nicht oder anders entwickelt. Aber für mich war Keith Richards wichtiger als Rudi Dutschke. Keith Richards zeigte mir, wie man mit Autoritäten umgehen kann. Ich ging zwar zu Demonstrationen, bei denen Dutschke sprach, aber er faszinierte mich weit weniger als die »Rolling Stones«. Die holten mich damals ab und gaben mir Selbstbewusstsein.

Wie fällt Ihre Bilanz der 68er Bewegung aus?

Niedecken: Das hat überwiegend gute Früchte getragen. Eine Partei wie die Grünen wäre ohne 1968 nicht möglich gewesen. Die Grünen bündelten Ende der 70er Jahre das zu der Zeit zerrissene linke Milieu.

Was sollte von 1968 bleiben?

Niedecken: Wir brauchen diesen emanzipatorischen Ansatz auf vielen Ebenen. Wir müssen sehen, wie wir die Welt weiter betreiben können, ohne dass sie nur den Geschäftemachern ausgeliefert ist. Wenn der Gedanke der Empathie versiegt, dann werden wir alle zu Einzelkämpfern.

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