Vorwurf: Bezahlte Hochzeitskleider nie geliefert – Firmenchefin muss vor Gericht Betrogene Bräute verklagen Modefirma

Bielefeld (WB). Dieser Fall hat das Zeug, deutschlandweit Justizgeschichte zu schreiben: Zwei Bräute (35/46) fühlen sich um ihre Hochzeitskleider betrogen und klagen vor dem Amtsgericht Bielefeld auf Tausende Euro Schadenersatz. Um an ihr Geld zu kommen, nehmen die Frauen die Chefin der renommierten polnischen Modefirma Agora in Regress.

Von Jens Heinze
Ziehen heute gemeinsam vor Gericht: Daniela Tiemann (links) und Manuela Wolke (rechts) mit Anwältin Nicola Meise.
Ziehen heute gemeinsam vor Gericht: Daniela Tiemann (links) und Manuela Wolke (rechts) mit Anwältin Nicola Meise. Foto: Müller

Auf Weisung der zuständigen Amtsrichterin Sinja Lichtenberg muss Agora-Firmenchefin Grayna Gałczyska aus dem polnischen Wrocław (Breslau) zur Verhandlung der beiden Zivilklagen vor Gericht am Mittwoch in Bielefeld erscheinen. »Sie wird kommen«, versicherte ihr Anwalt Piotr Jankowski auf Anfrage. Dann wurde der Jurist einsilbig: »Wir geben im Vorfeld der Verfahren keine weitere Stellungnahme ab.«

Über das Internet auf die Boutique aufmerksam geworden

Stellung bezogen dagegen die beiden Bräute, Daniela Tiemann (35) und Manuela Wolke (46). Die Frauen hatten im Oktober 2015 und Dezember 2016 maßgeschneiderte Hochzeitskleider in der damaligen Bielefelder Agora-Brautmoden-Boutique anprobiert, bestellt und bar bezahlt. Die Frauen aus dem niedersächsischen Kreis Osterholz und aus Oldenburg waren über das Internet auf die hiesige Boutique aufmerksam geworden. Das inzwischen geschlossene Geschäft an der Straße Am Bach war bundesweit das einzige, das fast die komplette Auswahl nebst großem Zubehör der polnischen Brautmodefirma Agora anbot. Beide Bräute hofften, in Bielefeld ihre Traumkleider für den schönsten Tag im Leben zu finden.

Industriekauffrau Tiemann weiß noch ganz genau, wann sie die 1700 Euro in bar für ihr Kleid bezahlt hat: »Das war der 8. Oktober 2015, mein Geburtstag.« Manuela Wolke kaufte ihre Hochzeitsmoden am 29. Dezember 2016 für 1400 Euro. Dass die Bielefelder Boutiquen-Inhaberin Kornelia H. (67) eine vorbestrafte Betrügerin war, die von Bräuten Geld für Kleider kassiert und das Geld zum Teil in die eigene Tasche gesteckt haben soll, wusste damals keine der beiden Frauen. Ihre gemeinsame Bielefelder Anwältin Nicola Meise erklärt: »In den Fällen meiner zwei Mandantinnen hat die Boutiquen-Betreiberin tatsächlich das Geld an den Lieferanten der Kleider, die polnische Brautmodenfirma Agora, weiter geleitet.«

Hochzeit abgesagt

Auf ihre bestellten und bezahlten Hochzeitskleider warten sie bis heute, sagen die beiden Klägerinnen. Als Konsequenz daraus hat Daniela Tiemann ihre für das vergangene Jahr geplante Hochzeit abgesagt. »Ich hatte mir ein goldfarbenes Kleid ausgesucht. Die ganze Feier war darauf abgestimmt«, erzählt die 35-Jährige. Sie will mit dem Kapitel Agora abschließen und nur noch die 1700 Euro Kaufpreis zurück.

Manuela Wolke fordert von Agora mehr, nämlich exakt 2399,95 Euro. Der Betrag setzt sich zusammen aus dem Kaufpreis für das Agorakleid, ein Ersatzkleid für ihre Hochzeit im Juli vergangenen Jahres sowie für Aufwandsentschädigung. Die 46-Jährige ist für ihr Brautkleid ungewöhnliche Wege gegangen. Manuela Wolke fuhr, nachdem die Bielefelder Boutique geschlossen wurde, nach Polen zu Agora und suchte sich dort ein neues Kleid aus. Geliefert nach Deutschland wurde aber ein anderes Modell, das die Oldenburgerin wieder zurück schickte. Den Kaufpreis habe sie aber nie wiederbekommen. »Und die verlorene Vorfreude auf meine Hochzeit lässt sich sowieso nicht mit Geld aufrechnen«, blickt Manuela Wolke bitter aufs Kapitel Agora zurück.

Termin für Strafprozess gegen Boutiquen-Chefin unbekannt

Der vergangenes Frühjahr aufgeflogene Brautmodenbetrug um die Chefin der ehemaligen Agora-Boutique in der Altstadt zieht nicht nur Schadenersatzforderungen der betroffenen Bräute, sondern auch strafrechtliche Folgen nach sich. Seit Juli 2017 liegt die Anklage wegen gewerbsmäßigen Betruges gegen die mutmaßliche Haupttäterin Kornelia H. (67) vor. Die 67-Jährige, ehemals Inhaberin der im März 2017 zwangsgeräumten Agora-Brautmodenboutique, soll Geld für Hochzeitskleider von Bräuten kassiert und für ihr Luxusleben ausgegeben haben. Den Schaden beziffert die Staatsanwaltschaft auf 28.350 Euro.

Dafür soll sich die wegen Betruges einschlägig vorbestrafte Kornelia H. vor einem Schöffengericht des hiesigen Amtsgerichtes verantworten. Ein Prozesstermin steht trotz Anklageerhebung vor immerhin sechs Monaten immer noch nicht fest.

»Die zuständige Richterin lässt derzeit bundesweit Betrugsopfer an ihren Wohnorten richterlich vernehmen, um den Damen die weite Anreise nach Bielefeld für eine Aussage beim Prozess zu ersparen«, begründete Amtsgerichtssprecher Dr. Roland Pohl, warum noch nicht terminiert ist.

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