Opern-Groteske »Benzin« freundlich am Stadttheater aufgenommen Der stärkste Trieb ist die Liebe

Bielefeld (WB). Was ist von einem Mann zu erwarten, der überall erst mal eine Ich-Fahne in den Boden rammt? Und von einer Frau, der jedes Mittel recht ist, um Männer zu Knechten zu machen?

Von Uta Jostwerner
Foto: Bettina Stoess

In Emil Nikolaus von Rezniceks Oper »Benzin« treffen die beiden aufeinander, und natürlich knallt es gewaltig zwischen dem Alphamännchen und dem Alphaweibchen. Denn klein beigeben kommt für keinen in Frage. So exzentrisch wie die Milliardärstochter Gladys Thunderbolt und der Zeppelin-Weltumrundungspilot Ulysses Eisenhardt ist das gesamte Setting des Werks, das 1929 als moderne Zeitoper entstand und bis 2010 in der Versenkung verschwand.

Am Stadttheater Bielefeld erlebt es aktuell seine zweite Auferstehung, und man reibt sich die Augen ob des schrillen Klamauks einerseits und der fast schon visionären Ausrichtung andererseits.

Eine Insel voller hübscher Frauen

Benzin ist der Treibstoff, der die Geschichte ans Laufen bringt. Auf seinem Weltumrundungs-Rekordflug mit einem Zeppelin müssen Kommandant Eisenhardt und seine Mannschaft auf einer unbenannten Insel vor der amerikanischen Ostküste notlanden, weil ihnen das Benzin ausgegangen ist. Eigentlich kein Problem, denn Benzin gibt es dort in rauen Mengen. Jedoch auch eine Horde hübscher Frauen, allen voran Gladys, die auf der Insel das Kommando führt und die jedermann durch Hypnose bezirzt.

Als Eisenhardt ihren Verführungskünsten widersteht, verweigert die in ihrem Stolz tief verletzte Frau das Benzin. Es kommt zu einem Machtkampf. Am Rande jedoch bahnen sich zahlreiche amouröse Beziehungen zwischen der Zeppelin-Besatzung und den Inselbewohnerinnen an. Und auch für Gladys und Ulysses gilt am Ende: Der stärkste aller Triebe ist und bleibt die Liebe.

Groteske par excellence

Technikbegeisterung trifft auf griechische Mythologie (Odysseus und Circe), ein neues Frauenbild auf einen süffig-illustrierenden Orchesterklang. Das Inszenierungsteam rund um Cordula Däuper kleidet das alles in eine fantastische und grell überzeichnete Revue. Eine Groteske par excellence, bei der selbst kritische Anmerkungen zum Umweltschutz mit plumpem Slapstick auf die Bühne plumpsen.

Große Spielfreude: Nienke Otten als Gladys’ Freundin Violet, Caio Monteiro als Ingenieur Freidank. Foto: Bettina Stoess

Optisch eine bunt flimmernde Fata morgana der 50er und 60er Jahre, mit Pettycoat und Korsage für die Frauen und Elvis-Tolle für die Männer (Sophie du Vinage) sowie einer goldenen Tankstelle inmitten einer Sandwüste (Ralph Zeger). Die Gegenwart fällt in Form einer Donald Trump-Parodie (Moon Soo Park als Papa Thunderbolt) und als Abklatsch des Rappers Shindy (Lorin Wey als Funker Machullke) in die Inszenierung ein. Tänze und Szenenfolgen in Revue-Form sorgen für einen kurzweiligen Abend.

Glanzrollen nehmen neben Melanie Kreuter als Gladys (ausdrucksstark und emotional in Stimme und Bühnenpräsenz) und Jacek Laszczkowski als Ulysses (betont cool) auch Caio Monteiro als Ingenieur Freidank (schmalzig, mit baritonalem Schmelz) und Nienke Otten als Gladys’ Freundin Violet (girlyhaft, mit herrlich hüpfenden Koloraturen) ein. Als diensteifriger Lakai Plumcake glänzt Yoshiaki Kimura.

Knisternde Erotik und Slapstick

Da vom Opernchor bis in die kleinsten Nebenrollen hinein mit enorm großer Textverständlichkeit gesungen wird, kann man sich den Blick zur Übertitelungsanlage weitgehend sparen und sich ganz an der knisternden Erotik und dem Slapstick des Bühnengeschehens erfreuen.

Befeuert wird dieses auf musikalischer Seite durch die Bielefelder Philharmoniker, die unter der Leitung des ersten Kapellmeisters Gregor Rot so sinnlich wie pointiert, so pathetisch wie spritzig aufspielen. Das Premierenpublikum wusste es zu schätzen und bedachte alle Beteiligten mit lang anhaltendem Beifall. Nächste Termine: 20. Januar, 4., 6., 11. und 23. Februar. Karten gibt es auch beim WESTFALEN-BLATT unter 0521/ 5299640.

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