Im Begegnungs- und Gnadenhof Dorf Sentana hat jedes Tier seine eigene Geschichte und zwei führen eine Beziehung Hansi liebt Gertrud

Bielefeld (WB). Eber Hansi ist eine imposante Erscheinung – immerhin bringt er 360 Kilogramm auf die Waage. Dementsprechend groß ist der Respekt bei seinen Mitbewohnern im Dorf Sentana , mit denen er sich einen Auslauf teilt. Oder besser gesagt bei fast allen. Denn Schaf Gertrud scheint Hansis Herz erobert zu haben.

Von Hendrik Uffmann
Mira Köhn mit Esel-Seniorin Maruschka, den Schafen Paul (rechts) und Hanna und Ziege Cappuccino.
Mira Köhn mit Esel-Seniorin Maruschka, den Schafen Paul (rechts) und Hanna und Ziege Cappuccino. Foto: Mike-Dennis Müller

Und vermutlich hat Gertrud damit den richtigen Riecher. Denn eigentlich ist Hansi »ein wahnsinnig liebes Tier«, erklärt Mira Köhn, die den Bereich der Tierpflege in dem Begegnungs- und Gnadenhof am Quellenhofweg leitet.

Dort hat der Eber endlich ein Zuhause gefunden, in dem er sich wohl fühlt und wo er sich innerhalb kürzester Zeit zum »Star« entwickelt hat, so Mira Köhn. Sechs Jahre ist Hansi alt, und in den vergangenen Jahren war er auf einem Bauernhof als Zuchteber im Einsatz. Dabei war er die meiste Zeit in einer Betonbucht ohne Stroh eingepfercht, bis ihn ein Tierfreund freigekauft und dann verzweifelt einen Platz für den Eber gesucht habe. Denn Hansi gehört zur Rasse der Pietrain-Schweine, die sehr stressempfindlich sei, erläutert die gelernte Landwirtin. »Wenn wir ihn kastrieren würden, würde er dabei vermutlich an einem Herzinfarkt sterben.« Unkastriert wiederum könne er aber nicht in Gesellschaft anderer Schweine leben.

Im Dort Sentana teilt er sich nun den Auslauf mit den Esel-Damen Maruschka und Hermine, zwei Ponys, Ziegen sowie den Schafen Paul, Hanna und eben Gertrud. Die ist acht Jahre alt und hatte eigentlich ein schönes Leben in einer Herde im Extertal (Kreis Lippe). »Sie hat viele Lämmer bekommen, aber ihre Fruchtbarkeit hat aufgrund des Alters nachgelassen. Außerdem ist sie inzwischen auf einem Auge blind. Deshalb sollte sie geschlachtet werden.«

Eselin Hermin ist ganz neu im Dorf

Statt dessen hat der Besitzer Gertrud nun der Sentana-Stiftung geschenkt. Und dort bilde sie zusammen mit Eber Hansi nun so etwas wie ein »Liebespaar«, erzählt Mira Köhn lachend. Denn wenn dieser zweimal am Tag sein »Müsli« – so nennen die Mitarbeiter die spezielle Futtermischung, die dem Eber am besten schmeckt – bekommt, duldet er es nur bei Gertrud, wenn diese neben ihm steht und wegknabbert, was er vor lauter Eifer mit seiner Schnauze aus dem Eimer schaufelt. »Und sogar unter der Rotlicht-Wärmelampe, die eigentlich nur für Hansi gedacht ist, darf sie liegen, ohne dass er sie verscheucht«, so die Landwirtin.

Seit wenigen Tagen neu im Dorf Sentana ist Eselin Hermine. 16 Jahre ist sie alt, und bislang wurde sie nur zusammen mit Ponys und Ziegen gehalten. Da dies aber nicht artgerecht sei und Esel-Seniorin Maruschka (27) ebenfalls Gesellschaft brauchte, kam Hermine nun über Vermittlung der Esel-Nothilfe nach Gadderbaum.

Maruschka selbst benötigt neben einer Gefährtin viel  Pflege, da sie bislang immer auf saftigen Weiden gehalten wurde und dadurch an Hufrehe leidet – einer für die Tiere sehr schmerzhaften Krankheit, die durch zu energiereiche Nahrung ausgelöst wird. Im weichen Sand des Auslaufs im Dorf Sentana jedoch geht es ihr deutlich besser, außerdem bekommt sie dort eine »Diät« aus Heu und Stroh.

Zwei neue Ziegenfreunde für Cappuccino

Mit Maruschka in den Begegnungs- und Gnadenhof gekommen ist auch Ziege Cappuccino. Die wiederum hat nun mit Paul (8) und Hanna (4) zwei neue Ziegen-Freunde gefunden. Deren Besitzer war der Pachtvertrag für die Weide gekündigt worden, und auch Cappuccino brauchte artgerechte Gesellschaft. Gleichzeitig sind Hanna und Paul die idealen Tiere für die tiergestützte Förderung, die Sozialpädagogin Tina Pahl künftig im Dorf Sentana anbieten wird. Denn die beiden Ziegen sind Menschen gegenüber sehr aufgeschlossen und anschmiegsam. »Deshalb können sich zum Beispiel Kinder mit einer Behinderung prima um sie kümmern, sie versorgen, pflegen und füttern. Die beiden freuen sich immer, wenn man etwas mit ihnen macht, man kann mit ihnen sogar spazieren gehen«, sagt Mira Köhn.

Gar nicht zutraulich ist dagegen immer noch Kuh Elsa. Die war im Herbst des vergangenen Jahres in der Nähe von Rietberg (Kreis Gütersloh) ausgerissen, als sie geschlachtet werden sollte, und hatte sich zehn Wochen im Wald versteckt, bevor sie eingefangen werden konnte. »Sie ist immer noch traumatisiert und kann nicht auf die Weide«, erklärt Mira Köhn.

Tierische Gemeinschaft

Dafür hat Elsa jetzt in Kimberley, der zweiten Kuh im Dorf Sentana, eine Freundin gefunden. Auch Kimberley sollte geschlachtet werden, da sie kleinwüchsig ist und deshalb keine Kälbchen bekommen sollte. Und auch sie wurde von einer Tierfreundin freigekauft und ist nun die ideale Gesellschaft für Elsa, da sie einen sehr friedlichen und ausgeglichen Charakter hat.

So macht es auch nichts, dass Elsa und Kimberley eine vom Auslauf getrennte Unterkunft haben. Und nebenan, direkt in Sichtweite, tummelt sich die übrige tierische Gemeinschaft.

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