Bielefelder Fotograf dokumentiert, wie in alte Bahnhofsgebäude in NRW neues Leben einzieht Früher hielten hier nur Züge

Bielefeld (WB). Dort, wo früher Fahrgäste auf den Zug warteten, wird jetzt gebetet, gespeist, gewohnt, lassen sich Menschen Tattoos stechen oder vom Steuerberater helfen.

Von Bernd Bexte
Aus dem ehemaligen Empfangsgebäude im niederrheinischen Moers ist vor gut fünf Jahren ein tattoo-Studio eingezogen.
Aus dem ehemaligen Empfangsgebäude im niederrheinischen Moers ist vor gut fünf Jahren ein tattoo-Studio eingezogen. Foto: Stefan Klink

In vielen zuvor nicht mehr genutzten Bahnhofsgebäuden in Nordrhein-Westfalen ist mittlerweile wieder das pralle Leben am Zug: Die 2002 von Land und Bahn gegründete Bahnflächenentwicklungsgesellschaft (BEG) hat dies möglich gemacht. Der Bielefelder Fotograf Stefan Klink hat für sie die Ergebnisse der vergangenen 15 Jahre dokumentiert.

Viele kleinere Bahnhöfe stehen leer

»Es geht hauptsächlich um Bahnhöfe in Kleinstädten oder auf dem Lande«, erklärt der 49 Jahre alte Diplom-Designer. Früher hatte jeder Provinzbahnhof einen Bahnhofsvorsteher, der in einer Dienstwohnung im Bahnhof residierte, es gab Gepäckannahme und Verwaltung direkt vor Ort. Das ist seit Jahrzehnten Geschichte. Entsprechend lange stehen viele kleinere Bahnhöfe leer. Die BEG sucht nach neuen Nutzern, ebenso für verwaiste Güterbahnhofgelände. Sie vermarktet auch stillgelegte Bahntrassen, auf denen Radwege entstehen können.

Klink hat eine besondere Beziehung zur Bahn und zu Bahnhöfen. Für seine Diplomarbeit dokumentierte er im Jahr 2000 Betrieb und Strecken der Schmalspureisenbahnen auf Sardinien, 2007 veröffentlichte er ein Buch über Bahnhöfe im Harz. »Ich wollte sogar mal einen Bahnhof im Harz kaufen«, sagt der Bielefelder. Der Sanierungsbedarf war allerdings zu groß.

Tattoo-Studio statt Bahnhof

Er hat bei seinen Reisen durch NRW manche Überraschung erlebt. »Ich wusste nicht, dass sich im umgebauten Bahnhof in Moers ein Tattoo-Studio befindet. Das habe ich erst vor Ort gesehen.« Es gibt aber auch andernorts Unerwartetes: In Remscheid-Lennep bietet ein Physiotherapeut seine Dienste an, in Werdohl ist das Stadtmuseum eingezogen, in Jüchen-Hochneukirch eine Tagespflege, in Arnsberg ein Bürgerzentrum. In fast drei Vierteln der Gebäude wird nach einer Sanierung allerdings wieder üblicher »fahrgastorientierter Service« angeboten: Fahrkartenverkauf, Kiosk, Bäckerei oder aber Gastronomie samt Kultur.

Klink hat das neue Leben in den alten, aber sanierten Bahnhöfen für eine BEG-Dokumentation fotografiert – die dient als Anregung für Interessenten andernorts. Dies sind vor allem Kommunen, sie haben ein Vorkaufsrecht. So sicherte sich zuletzt im Frühsommer die Stadt Bünde für 283.000 Euro das historische Empfangsgebäude. Mit einem Architektenwettbewerb werden jetzt Ideen für die Neunutzung gesucht. In NRW hat die BEG von 126 vermarkteten Empfangsgebäuden mittlerweile 100 veräußert. Neben den Kommunen gehören auch gewerbliche Investoren, Privatpersonen sowie Stiftungen und Vereine zu den Käufern.

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