»Bielefelder Flaneure« beobachten Wandel in der heimischen Gastronomie 500 Lokale in zehn Jahren

Bielefeld (WB). Es gab eine Zeit, in der in Bielefeld 500 Eckkneipen existierten. »Heute sind es vielleicht noch 40«, sagt Norbert Schaldach. Als einer der »Bielefelder Flaneure« ist er seit zehn Jahren in Bielefeld unterwegs, um Restaurants und Imbissbuden, Bars und Döner-Schmieden zu entdecken. Und ist so zum Chronisten des Wandels in der Gastro-Szene geworden.

Von Hendrik Uffmann
Marcus Langer (links) und Norbert Schaldach erkunden als »Bielefelder Flaneure« seit zehn Jahren die Bielefelder Kneipenlandschaft. »Geprüft« haben sie dabei unter anderem auch die Gaststätte Bartsch, die Susanne Bartsch in vierter Generation betreibt.
Marcus Langer (links) und Norbert Schaldach erkunden als »Bielefelder Flaneure« seit zehn Jahren die Bielefelder Kneipenlandschaft. »Geprüft« haben sie dabei unter anderem auch die Gaststätte Bartsch, die Susanne Bartsch in vierter Generation betreibt. Foto: Starke

»Lass uns mal in eine Kneipe gehen, in die wir sonst nie gehen würden, schon gar nicht allein. Einfach aus Neugier.« So schildert Marcus Langer die Idee, die er vor zehn Jahren hatte – und die zur Geburtsstunde der »Flaneure« wurde. So landeten der Grafikdesigner Langer und der Diplom-Sozialpädagoge Schaldach am 14. Februar 2007 in der »Ostschänke« an der Oldentruper Straße. »Der Wirt hat uns dann seine komplette Lebensgeschichte erzählt«, erinnert sich Schaldach, der noch am selben Abend im »Flaneur-Webblog« darüber berichtet – und damit zu einem der ersten Bielefelder Blogger wurde.

Neben Schaldach und Langer kamen kurz darauf auch Rolf Grotgut, Michael Petig, Volker Schneegaß und Henner Zimmat zu der Gruppe. Einmal pro Woche sind sie seit dem gemeinsam unterwegs, um mit Hunger und Durst, vor allem mit einer großen Portion Interesse an Wirten und Gästen Neues zu entdecken.

Und inzwischen gut 500 Kneipen später kennen die »Flaneure« die Bielefelder Gastro-Szene aus eigener Erfahrung so gut wie wohl kaum jemand sonst und können von den Veränderungen berichten, die es allein in diesem Zeitraum gegeben hat.

Das Sterben der Eckkneipen

Die kleinen Eckkneipen für das schnelle Feierabend-Pils sind in den vergangenen zehn Jahren deutlich weniger geworden. »Es hat eine Konzentration auf Epizentren der Gastronomie gegeben wie den Emil-Groß-Platz und die Altstadt«, sagt Schaldach. Aber auch rund um den Kesselbrink gebe es »eine hochvitale Gastronomie mit echten Perlen«, so der »Flaneur«. »Wer beim Kesselbrink nur an die Restauration direkt auf dem Gelände denke, der kenne den Platz nicht wirklich. Als Beispiel nennt Schaldach das »Andalusien«, wo es Grünkohl in einer marokkanischen Variante gebe, das »Urfa Kebab«, aber auch das »Gegenüber« und »Muttis Bierstube«. Dass sich die Schwerpunkte der Gastronomie verschieben, wie vor Jahren beim Klosterplatz zu beobachten, sei normal,  ergänzt Marcus Langer. »Es bilden sich halt immer neue Trampelpfade.«

Rauchverbot

Das strikte Rauchverbot sei nicht der Auslöser für das Kneipensterben gewesen, eher »der letzte Sargnagel«, ist Norbert Schaldach überzeugt. »Die Leute trinken einfach weniger. Und die Zeit, in der die Kneipe so etwas wie das verlängerte Wohnzimmer war, sind vorbei.« Allein im Bereich der Teutoburger und Heeper Straße habe es früher »alle 100 Meter« eine Kneipe gegeben, sagt Norbert Schaldach.

Essen statt trinken

Dagegen gingen die inzwischen Menschen häufiger auswärts essen. Früher habe es in der Kneipe Buletten und Bockwurst gegeben, heute werde mehr Wert auf gesundes, frisches Essen gelegt. Wegen des geringeren Getränkekonsum sei es für die Gastwirte jedoch deutlich schwerer geworden, Geld zu verdienen, sagt Marcus Langer.

Weniger Familienbetriebe

So gebe es auch weniger Familienbetriebe in deutscher Hand. »Vor allem aus dem Ausland stammende Gastronomen führen ihre Betriebe noch mit der ganzen Familie.« Gleichzeitig werde es immer schwerer für die Wirte, Personal zu finden.

Systemgastronomie

Das Leben schwer mache den Wirten auch die Systemgastronomie, ist Langer überzeugt. »Gerade junge Leute erreichen diese viel besser, weil sie aufwändige Werkekampagnen auch über die sozialen Netzwerke betreiben können. Die traditionellen Kneipenbetreiber sind dazu gar nicht in der Lage, weil sie meist an sieben Tagen in der Woche hinter dem Tresen stehen«, sagt der Grafikdesigner.

Gleichzeitig beobachte Langer eine Gegenbewegung. »Viele verweigern sich inzwischen wieder den großen Ketten. Originalität ist wieder gefragt, es gibt einen großen Hunger nach ehrlicher Küche.« Als Beispiel nennt er Burger-Restaurants wie die »Wilde Kuh«, die von jungen Betreibern gegründet worden seien. Enorm zugenommen habe in den letzten Jahren außerdem die Zahl der Bring-Dienste.

Kaffee ist das neue Bier

Anstatt in der Kneipe ein Pils zu bestellen, gingen viele heute lieber in ein Café. Dementsprechend sei deren Zahl gestiegen, während gleichzeitig eine Kneipe nach der anderen geschlossen worden sei.

Und doch gebe es noch die traditionsreichen Gaststätten, die sich zum Teil seit mehr als 100 Jahren halten, wie etwa »Bartsch« an der Viktoriastraße. Marcus Langer: »Manchmal brauchen die Menschen auch ein wenig Nostalgie.«

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