Zehn Jahre nach dem Orkan: Förster Erhard Oehle zieht Bilanz Förster: »Kyrill war auch eine Chance für den Wald«

Bielefeld (WB). Wie ein Mahnmal steht der Fichtenstumpf in der Schneise am Nordhang des Teuto. Knapp zwei Meter hoch, ohne Rinde, verwittert. Die Bruchstelle ist gesplittert. Der abgeknickte Reststamm bis zur Sägenaht reicht bis zum Waldboden. Um ihn herum sprießen kleine Fichten aus dem moosigen Boden. Naturverjüngung nennt man das. Orkan Kyrill tobte in der Nacht des 18. Januar 2007.

Von Michael Diekmann
Mahnmal: Der Rest eines von Kyrill abgedrehten Baumes. Hinter Förster Erhard Oehle wächst der Fichtenwald nach.
Mahnmal: Der Rest eines von Kyrill abgedrehten Baumes. Hinter Förster Erhard Oehle wächst der Fichtenwald nach. Foto: Hans-Werner Büscher

Eine Gänsehaut hat Förster Erhard Oehle (61) auch zehn Jahre später, wenn er im Wald von Meyer zu Selhausen zeigt, wie sich die Natur funktionierenden Wald neu aufbaut, Wunden heilt. Kleine Wunden. Die große Wunde bleibt: Die mächtige Schneise aus Südwest, aus der nur einzelne riesige Stämme mit kleiner Krone herausragen.

Allein 1200 Festmeter Fichte sind hier in einer Nacht gefallen, berichtet Oehle: »In Bielefeld insgesamt verloren Stadt und private Waldbauern 20.000 Festmeter, davon 5000 Festmeter Laubholz.« Es gab drei größere Schadensgebiete, in Hillegossen, Theesen und Schröttinghausen. Weitere 10.000 Festmeter fielen später noch an den Folgen von Kyrill.

Katastrophen im Wald hatte es immer wieder gegeben, erinnert Erhard Oehle, der 1984 den Forstbetriebsbezirk Bielefeld übernahm für den Landesforstbetrieb. Die Forstbetriebsgemeinschaft hat heute 245 private Waldbesitzer und 2850 Hektar Fläche. Oehle erinnert an den Eisregen 1987, Orkantief Lothar 1990, den Trockensommer 2003. Und eben an Kyrill.

Ausgangslage war schlecht

Die Ausgangslage war damals denkbar schlecht gewesen. Viel Niederschlag, milde Temperaturen. Der Anblick am Tag nach dem Orkan hatte laut Oehle etwas von Weltuntergangsstimmung: Gesperrte Wälder, wie Mikadostäbe übereinander liegende Stämme. Die meisten Bäume hatte Kyrill samt Wurzelteller umgeworfen.

Das Ausmaß in Bielefeld stand aber in keinem Verhältnis zu dem Desaster im Sauerland. Das Forstamt fand ein Sägewerk in Bremerhaven für die Vermarktung des Bielefelder Holzes. Viel ging in den Export. Die enorme Holzmenge hatte die Preise gedrückt.

Patentrezepte gab es damals nicht. Und keinen Euro Mittel von Bund, Land und EU für Bielefeld. Oehles Kollege Herbert Linnemann, Forstleiter der Stadt, beziffert die Kosten für die Aufforstungen in seinem Bereich allein auf 200.000 Euro. Auch private Waldbauern trugen die Kosten selbst.

Exakt zehn Jahre später geht Erhard Oehle optimistisch in den Wald. Der Wald am Teuto hat sich vielfach »mit Bordmitteln« seine Zukunft geschaffen. Oehle sieht sich in seiner Strategie bestätigt, folgt den Grundsätzen von TV-Journalist Horst Stern, bekannt für seine Anmerkungen zu Wolf oder Wildschwein in den 1970er Jahren.

Heilkraft der Natur

Sterns Ansatz, dem Wald die Chance zur Regeneration aus sich selbst zu geben, sieht Oehle bei Meyer zu Selhausen bestätigt. Auf den Nordhang, betont er, gehöre die Fichte. Der Waldbesitzer gab Sämlingen eine Chance. Oehle: »Wo welche fehlten, haben wir mit der Forke welche von gegenüber geholt. Wie unsere Väter.«

Bis zu fünf Meter hoch sind einzelne Fichten schon gewachsen. Sämlinge leiden nicht unter Wildverbiss. Dafür schaffen Brombeerdickichte Schutz für den Baumnachwuchs. Und mittendrin sprießen auch Buche oder Birke. Die Heilkraft der Natur nach Kyrill verdeutlicht Oehle auch auf der anderen Seite der Stadt. Der Köckerwald in Theesen gehört zum Hof Meyer zu Müdehorst. Der Blick bis zur Uni offenbart die Misere: Kyrill konnte aus Südwest mit 120 Stundenkilometer Anlauf nehmen.

Zehn Jahre später stehen hier Kirschen, Buchen, Eichen. Sechs bis acht Meter hoch sind sie schon. Man hat sie nach gründlichem Aufräumen gesetzt. Daraus entsteht ein funktionierendes System. Stolz ist der Förster auf die Lebensgemeinschaft auf der anderen Seite des Wirtschaftsweges. Hier stehen mächtige Eichen, darunter Buchen, Birken, Hasel und Weide. Immer neue Bäumchen wachsen nach.

Ein Tag mit Oehle im Wald auf den Spuren des Orkans zeigt, dass Kyrill ein Stück Umdenken ermöglicht hat. Weg von preußisch dicht bei dicht gesetzten Stämmen in langen Reihen, oft viel zu dicht, zurück zum natürlichen Wald. Oehle: »Kyrill war eine Katastrophe. Aber auch eine Chance.«

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