Folge 1: Schwester Barbara (97) kam vor 80 Jahren nach Bethel Neue WESTFALEN-BLATT-Serie zum Bethel-Jubiläum

Bielefeld (WB). 18.000 Menschen arbeiten für die von Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel.  Zur 150-Jahr-Feier in diesem Jahr stellt das WESTFALEN-BLATT in einer Serie Menschen in Bethel vor. Den Anfang macht Diakonisse Schwester Barbara von Richthofen.

Von Sabine Schulze
Schwester Barbara ist Diakonisse mit Leib und Seele. Noch heute gestaltet sie zuweilen Morgenandachten.
Schwester Barbara ist Diakonisse mit Leib und Seele. Noch heute gestaltet sie zuweilen Morgenandachten. Foto: Hans-Werner Büscher

Schwester Barbara (97) verbringt ihren Feierabend, wie der Ruhestand bei den Diakonissen heißt, im Frieda-von-Bodelschwingh-Wohnstift – nachdem sie jahrzehntelang anderen Menschen gedient hat. Sie gehört zu Bethel. Und Bethel hat ihr Leben geprägt.

Den Status von Schwester Barbara als Diakonisse erkennt man sofort: Sie trägt Tracht – wie ihr ganzes Leben. Mehr noch, Schwester Barbara trägt als Diakonisse der alten Form die Tracht mit der alten Haube, die unter dem Kinn eine breite Schleife hat. Beim Gespräch trägt sie ein graues Gewand. Für hohe Feiertage und Beerdigungen besitzt sie noch eine schwarze Tracht, für den Sonntag eine blaue. Und das reicht auch. Modische Torheiten, sagt sie, musste sie nie mitmachen. »Ich denke mir: Gut, dass ich nichts anderes tragen muss.«

Christlich geprägt

Schwester Barbara wuchs auf dem Gut der Familie bei Goldberg in Niederschlesien auf. Die Familie war christlich geprägt: Niemals ging es morgens ohne Gebet zur Schule, das Tischgebet mittags war ebenso selbstverständlich wie das Gebet zur Nacht.

Dass sie bereits als 18-Jährige als Helferin in das Krankenhaus Gilead kam, lag aber an der Schwester des Dorfpastors Heuser: Die war nämlich damals Diakonisse und Sarepta-Vorsteherin, und Barbara von Richthofen folgte ihrem Beispiel – nicht unbedingt zur Freude ihrer Eltern, die die Tochter nur ungern so weit weg ziehen ließen, ihr nach dem Krieg aber folgten.

»Onkel Pastor Fritz«

»Mein erster Arbeitsplatz war in Mara, in der Aufnahmestation für Kinder«, blickt Schwester Barbara 80 Jahre zurück. Bei Spaziergängen mit den Kindern lernte sie die Ortschaft kennen – und Pastor Bodelschwingh. »Er hatte im August Geburtstag, und die Kinder sind zum Gratulieren zu ihm gegangen. Onkel Pastor Fritz nannten sie ihn.«

1940 wurde Schwester Barbara Diakonissen-Schülerin, arbeitete im Kinderkrankenhaus, in Hagen-Haspe, besuchte die Krankenpflegeschule und legte 1944 ihr Examen als Krankenschwester ab. Einige Monate Anfang 1945 war sie Lazarettschwester in Iserlohn, dann kam sie zurück nach Bethel und wurde »Unterrichtsschwester«: von 1946 bis ‘55 in Lübbecke, von 1956 bis ‘67 in Gilead. »Das war eine schöne Zeit. Ich war ja selbst noch nicht so alt und lebte mit den jungen Frauen zusammen im Wohnheim.« Die Schwesternhochschule in Berlin habe sie erst nach der Zeit als Unterrichtsschwester besucht, erzählt sie schmunzelnd.

Sarepta-Vorsteherin

Hausmutter in Gilead, Pflegedienstleiterin und schließlich von 1975 bis 1984 Sarepta-Vorsteherin, die damit auch den »Vereinigten Vorständen« Bethels angehörte. Gleich die erste Vorstandssitzung schreckte sie: »Es gab zwar ein paar Schnittchen, ging aber bis in den späten Abend und ich dachte mir: Wenn das so weiter geht. . .« Aber gar so schlimm wurde es nicht.

Neben den beruflichen Stationen war für Schwester Barbara 1947 ein wichtiges Jahr: Denn in diesem Jahr wurde sie nach intensiver Vorbereitung eingesegnet und verpflichtete sich zu einem Leben in einer Glaubens- und Dienstgemeinschaft.

Einen Verzicht auf ein weltliches Leben und auf Familie sieht sie nicht: »Ich sah da meinen Weg, ich sah mich von Gott geführt.« Sicher, auch die eine oder andere Diakonisse alter Form heiratete später, aber das war die Ausnahme. Dennoch wollten viele junge Frauen in den Dienst der Schwesternschaft treten, um karitativ tätig zu sein. »Wir haben sogar Schwestern in die Gemeinden und in andere Krankenhäuser entsandt.«

Das alte Bethel

Heute steht eine Ehe dem Status als Diakonisse ohnehin nicht entgegen. »Ich will den Diakonissen heute nicht die Ernsthaftigkeit absprechen. Aber mit einer Familie können sie sich nicht so einsetzen wie wir früher.« Schließlich lebten die Schwestern oft in den Bethelhäusern oder zumindest nahebei in Wohnheimen.

Ebenso, bemerkt die 97-Jährige, kommen heute oft Frauen in mittleren Jahren, um sich der Schwesternschaft anzuschließen. Immerhin hat die so Nachwuchs: In den vergangenen neun Jahren wurden 90 Schwestern aufgenommen, aktuell sind elf in der Anwartschaft. »Wir waren damals so jung. . . Aber es gab ja auch mehr fromme, kirchlich eingestellte Familien.«

Schwester Barbara trauert dem alten Bethel nach. »Das ist nicht zurück zu holen, ich weiß. Aber in Bethel hat sich vieles verändert: Es war früher ein Gemeinschaft, eine Gemeinde rund um die Zionskirche. Heute ist alles so groß, heute ist es ein Betrieb.«

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