1200 Fans feiern die Finnen von Apocalyptica im Ringlokschuppen Zwischen Largo und Speedmetal

Bielefeld (WB). Apocalyptica ist auch 22 Jahre nach Bandgründung noch eine Frechheit. Die Finnen spielen Metal auf Celli und Klassik, die wie Hardcore klingt. Sie biegen und brechen die Tonleitern, dass es eine Freude ist und eine Kraftanstrengung zugleich.

Von Heike Pabst
Finnen erobern den Ringlokschuppen: Die Band Apocalyptica mit Eino Matti Toppinen (Links) und Perttu Paeivoe Kullervo Kivilaakso überzeugt 1200 begeisterte Fans.
Finnen erobern den Ringlokschuppen: Die Band Apocalyptica mit Eino Matti Toppinen (Links) und Perttu Paeivoe Kullervo Kivilaakso überzeugt 1200 begeisterte Fans. Foto: Thomas F. Starke

Fünf Jahre Zeit haben sie sich gelassen mit ihrem neuen Studioalbum »Shadowmaker«, und das Resultat sind durchwachsene Kritiken. Das ist vor allem dann zu verstehen, wenn man die Enttäuschung puristischer Fans kennt: Apocalyptica hat als reines Cello-Projekt begonnen, das Metal-Songs coverte. Manchem war es ein Sündenfall, dass die Finnen eigene Songs schrieben und ihrem Sound Schlagzeuger Mikko Sirén und Gastmusiker hinzufügten.

Immer wieder mussten sie sich den Vorwurf gefallen lassen, sie klängen nicht mehr wie Apocalyptica, sondern wie eine »normale« Hardrock- oder Metalband. Man könne fast überhören, dass da keine Gitarren, sondern Celli am Werke sind. Und jetzt auch noch das: Seit neuestem gehört Sänger Frankie Perez fest zur Band. Sein Anteil am Konzert ist zwar geringer, doch er ist da, und das ist für manchen altgedienten Fan sehr gewöhnungsbedürftig.

Solchen Mäkeleien stellen sich die Gründungsmitglieder Eicca Toppinen und Paavo Lötjönen sowie Drummer Mikko Sirén und »Madman« Perttu Kivilaakso in dieser neuen Inszenierung souverän entgegen. Die Cellisten lassen die Saiten kreischen, toben, flüstern und hüpfen. Die langen Haare kreisen im Takt, die fast dreidimensional wirkenden Videoprojektionen verwirren das Auge. Dazu zelebriert ein Cello unvermittelt ein wunderschönes Largo, nur um sich im nächsten Moment in donnernden Speedmetal hinein zu steigern. Gäbe es zwischendurch nicht die Balladen als Erholungspause, manches Ohr könnte auf halber Strecke kollabieren.

Paavo Lötjönen wagt ein Tänzchen mit seinem Instrument, Eicca Toppinen spielt über Kopf: Es ist eine großartige Show. Und wer in Perttu Kivilaakso nur den seltsam verkleideten Typ mit Captain-Sparrow-Makeup sieht, überhört vollkommen den großen Musiker, der sich da schon beim zartesten Kontakt mit den Saiten offenbart.

Auch das Schlagzeug passt mittlerweile bruchlos ins Apocalyptica-Universum, und im Gegensatz zu Sänger Perez muss sich Sirén keine vereinzelten Buh-Rufe mehr gefallen lassen.

Natürlich covern die Finnen »Refuse/Resist« von Sepultura und Griegs »Hall of the mountain king«, natürlich versuchen sie dabei, ihren eigenen Geschwindigkeitsrekord zu überbieten. Und ebenso natürlich setzen sich Perttu Kivilaakso, Eicca Toppinen und Paavo Lötjönen brav wie im Kammermusikkreis zueinander und schmachten »Bittersweet«, ohne Ironie, mit viel Freude an der Melancholie und am vollen Celloton. Als kleine Überraschung hat Apocalyptica die deutsche Nationalhymne im Gepäck – immerhin ist Tag der deutschen Einheit, und vereinzelt wird im Saal mitgesungen.

Vielleicht ist Apocalyptica mittlerweile mehr als nur eine Band. Vielleicht sollte das Projekt eher als Gesamtkunstwerk aus Light- und Videoshow, Performance und Musik gesehen werden. Denn lediglich die CD in den Player zu stecken, wird einem Konzerterlebnis wie diesem überhaupt nicht gerecht.

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