Auch Innenminister und BND sind Beispiele für mangelnden Datenschutz BigBrother-Awards verliehen

Bielefeld (WB). Sie sollen schlechte Beispiele in Sachen Datenschutz vorführen und zur Diskussion anregen: Die BigBrother-Awards sind am Freitag zum 15. Mal in Bielefeld verliehen worden.

Von Christina Ritzau
Rena Tangens (rechts) und »padeluun« verleihen jährlich die BigBrother-Awards.
Rena Tangens (rechts) und »padeluun« verleihen jährlich die BigBrother-Awards.

Große Namen stehen auf der Liste der Preisträger, denen die Datenschützer des Bielefelder Vereins »Digitalcourage« (früher Foebud) die unliebsame Auszeichnung aufs Auge gedrückt haben: Amazon hat gleich in zwei Kategorien »abgeräumt«, zudem gab es einen Big-Brother-Award für den Bundesnachrichtendienst (BND), den Innenminister, das Gesundheitsministerium und eine sprechende Barbie-Puppe (Mattel/Toytalk).

Die »Hello Barbie« hat den Preis in der Kategorie Technik erhalten. Die Puppe zeichnet auf, was das Kind sagt, und schickt die Daten an die Cloud. Träume und private Sorgen junger Menschen würden zentral abgelegt, kritisiert Digitalcourage. In Europa sei die Barbie aber derzeit nicht erhältlich.

In der Kategorie Behörden/Verwaltung wurde der Bundesnachrichtendienst prämiert. »Der BND ist schon seit sehr langer Zeit fällig für einen Big-Brother-Award«, betonte »padeluun«, wie sich einer der Mitbegründer von Digitalcourage nennt. Der Auslandsgeheimdienst sammle Millionen geschützter Telekommunikationsdaten von Bürgern und tausche sie mit anderen Geheimdiensten aus. Dabei gehe es nicht etwa nur um das Handy der Bundeskanzlerin, sondern um alle Bürger, erinnerte »padeluun«. »Der BND entwickelt sich zu einem Staat im Staate und braucht dringend demokratische Überwachung.«

 »Amazon beutet Mitarbeiter aus«

Der Versandhandel Amazon erhielt den Negativpreis gleich in zwei Kategorien: Wirtschaft und Arbeitsrecht. Das Unternehmen beute Mitarbeiter aus und verstoße bei Arbeitsverträgen gegen Datenschutzbestimmungen, lautete die Begründung. So würden etwa private Gesundheitsdaten weitergegeben. Den Preis in der Wirtschaftskategorie teilt sich Amazon mit der Crowdworking-Plattform »ElanceoDesk«. Diese überwacht zum Beispiel die Tastenanschläge und Seitenaufrufe ihrer Mitarbeiter.

Auch die elektronische Gesundheitskarte ist Datenschützern ein Dorn im Auge. Dadurch würden riesige Summen aus dem Gesundheitsmarkt gezogen, zugunsten von Konzernen. Das Bundesgesundheitsministerium büßt dafür mit dem Big-Brother-Award in der Kategorie Verbraucherschutz.

Auch der amtierende Bundesinnenminister Thomas de Maizière und sein Vorgänger Hans-Peter Friedrich stehen auf der Liste der Datensünder, in der Kategorie Politik. »Beide sabotieren die Datenschutzgrundverordnung«, meint »padeluun«. Die enge Kooperation mit Lobbyverbänden bezeichnete Laudator Max Schrems, der derzeit vor dem Europäischen Gerichtshof eine Sammelklage gegen Facebook anführt (Bericht in der Freitagsausgabe), als falschen Ansatz.

In der zusätzlichen Kategorie Neusprech wurde die Bezeichnung »digitale Spurensicherung« als Deckmantel für die Vorratsdatenspeicherung ausgezeichnet.

Die Träger der »Oscars gegen Überwachung« hatten einige Tage zuvor von ihrem Glück erfahren. Zur Verleihung kam erwartungsgemäß keiner von ihnen. Die Awards sollten niemanden anprangern oder vorführen, erklärte Rena Tangens, Digitalcourage-Mitbegründerin. »Es soll ein Preis sein, der zum Dialog auffordert.« Wer die Negativpreise bekommt, kann jeder Bürger mitbestimmen. Die Nominierung für die Big-Brother-Awards 2016 läuft. Vorschläge können auf der Seite des BigBrother-Awards abgegeben werden.

Kommentare

Wäre schön, wenn die Menschen Datenschutz bewusster leben würden

Prima, dass hier über die Big Brother Awards von digitalcourage berichtet wird.
Sicherlich wäre es insgesamt schwierig, das Rad der weltweiten Überwachung anzuhalten oder gar zurückzudrehen. Aber vielleicht besinnen sich ja nun einige Verbraucher, Unternehmen wie Amazon nicht länger zu unterstützen.
Wir müssen gerade den jungen Leuten begreiflich machen, dass sie mit der Nutzung von Online-Diensten und bargeldloser Bezahlung - der Vernetzung von Daten - ein System vorantreiben, das ein politisches Aufbegehren immer schwieriger macht. Unerwünschte Stimmen werden nur allzuoft mundtot gemacht. Ein anonymes Agieren jedoch wird immer unmöglicher. Denn schon heute ist in einigen Ländern (besonders Großstädten) vorrangig nur noch bargeldloses Zahlen möglich - auch bei Dienstleistungen wie dem öffentlichen Nahverkehr. Währenddessen beschließt die regelungswütige EU immer mehr menschenfeindliche Gesetze wie das Verbot von Glühlampen zugunsten quecksilberhaltiger Energiesparlampen, sowie die Zertifizierungspflicht für Heilpflanzenprodukte (Zertifizierung können sich viele kleine Unternehmen gar nicht leisten, weswegen die Produkte vom Markt verschwinden) belegen.
Wir brauchen mehr Streiter für menschenfreundliche Gesetze und den Datenschutz. Es ist zu hoffen, dass Aktionen wie die von digitalcourage immer mehr Menschen hierzu animieren.

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