Middelhoff lässt Zeitungen aus seiner Krankenakte zitieren Flucht in die Öffentlichkeit

Essen(WB/ef). Der Fall Middelhoff wird immer obskurer: Nachdem seine seltene Immunkrankheit bekanntgeworden ist, die sich der Manager möglicherweise in der U-Haft zugezogen hat, geben seine Anwälte nun Details seines Gesundheitszustandes preis – und zitieren mit Einverständnis ihres Klienten direkt aus der Krankenakte. 

Thomas Middelhoff
Thomas Middelhoff Foto: dpa

Damit tritt der frühere Bielefelder Top-Manager Thomas Middelhoff (61) die Flucht in die Öffentlichkeit an. »Irgendwann muss dem Martyrium ein Ende gesetzt werden«, sagte Middelhoff-Anwalt Sven Thomas aus Düsseldorf gestern. Daneben wird Middelhoff bei seinen diversen Streitigkeiten von Hartmut Fromm (Berlin), Dr. Winfried Holtermüller (Stuttgart) und Udo Wackernagel (Düsseldorf) vertreten.

Der Gesundheitszustand von Middelhoff habe sich im Gefängnis dramatisch verschlechtert, betonen die Anwälte. Daher sei er haftunfähig. Wie berichtet, stellten sie am Dienstag einen erneuten Antrag auf Haftprüfung. Nach Angaben von Fromm von gestern Abend sei der Haftprüfungstermin vor dem Essener Landgericht für den 16. April angesetzt.

Doch damit nicht genug: Die Anwälte attackieren auch die Justiz. Die »nur unzulänglich behandelte Autoimmunkrankheit« liege auch in ihrer Verantwortung, erklärten sie.

Nach Angaben der Verteidiger soll es sich bei der seltenen Autoimmunkrankheit um Chilblain Lupus handeln – mit schmerzhaften, frostbeulenartigen Schwellungen und Knoten vor allem an Händen und Füßen. Der 1,91 Meter große Middelhoff – von vielen bisher ehrfurchtsvoll »Big T« genannt – habe in den fünf Monaten Haft viel Gewicht verloren. 87,4 Kilogramm habe er bei Haftantritt gewogen, heute seien es nur noch etwa 70 Kilogramm, wie die Süddeutsche Zeitung berichtet. Er habe Mühe, sich das Hemd zuzuknöpfen und einen Stift zu halten. Weiter heißt es: »Sein Gewebe an Händen und Füßen zerfällt.« Bereits von Februar bis März war er stationär im Universitätsklinikum Essen in Behandlung – und nun wieder seit vergangenen Dienstag.

Dass die Süddeutsche Zeitung aus seiner Krankenakte zitiert, geschehe mit Einwilligung Middelhoffs, schreibt das Blatt. Ansonsten wäre eine solche Veröffentlichung eine Verletzung der Persönlichkeitsrechte.

Was ist die Ursache für die Erkrankung? Die Rechtsanwälte machen dafür die Haftbedingungen verantwortlich, vor allem die engmaschigen Kontrollen zu Beginn der Haft. Dass Middelhoff in den ersten Haftwochen mindestens alle 15 Minuten kontrolliert worden sei, bezeichneten sie als »unter keinem denkbaren Gesichtspunkt gerechtfertigten Schlafentzug«. Dies habe offenbar das Immunsystem des Mandanten geschwächt.

Die Essener Vollzugsanstalt wollte nach eigenen Angaben durch die regelmäßigen Sichtkontrollen einen Suizid von Middelhoff verhindern. Laut NRW-Justizministerium hat ein Bediensteter alle 15 Minuten durch den Spion der Zellentür geschaut, ob er noch atmet. Dafür sei das Licht in der Zelle von außen für etwa eine Sekunde eingeschaltet worden. Wer sich davon im Schlaf gestört fühle, könne eine Schlafmaske erhalten. Middelhoffs Anwälte zufolge wurde ihr Mandant nachts immer wieder geweckt. Der Ministeriumssprecher geht dagegen davon aus, dass kein Vollzugsbeamter die Zelle betreten hat, ausschließen könne er das aber nicht.

Der Bund der Strafvollzugsbediensteten (BSBD) sagt, um einen »Haftraum zu öffnen«, müssten im Normalfall drei Bedienstete zusammen hineingehen, dazu fehle schon das Personal. Der frühere Chef des inzwischen pleite gegangenen Karstadt-Mutterkonzerns Arcandor war am 14. November vom Essener Landgericht wegen Untreue und Steuerhinterziehung zu drei Jahren Haft verurteilt und noch im Gerichtssaal verhaftet worden. Middelhoffs Anwälte haben Revision eingelegt. Darüber muss Bundesgerichtshof noch entscheiden. Einen Termin gibt es bisher nicht. Mehrere Versuche von Middelhoffs Rechtsanwälten, den 61-Jährigen auf freien Fuß zu bekommen, scheiterten. Der Grund: Die Richter am Landgericht Essen und am Oberlandesgericht Hamm sahen Fluchtgefahr. Selbst als enge Freunde und Familienmitglieder Middelhoffs eine Kaution von etwa 900 000 Euro anboten, blieben die Richter hart.

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