Bahn geht von Suiziden aus – in Bielefeld 58 Züge verspätet Fünf Tote in 24 Stunden

Bielefeld (WB). Innerhalb von 24 Stunden sind in NRW fünf Menschen auf Gleisen gestorben.

Von Christian Althoff
Foto: dpa (Symbolbild)

»Das war eine schlimme Häufung«, sagte ein Bahnsprecher aus Düsseldorf am Dienstag. Die Zwischenfälle geschahen in Düsseldorf, Lengerich, Hamm, Köln und Bielefeld. Die Opfer, vier Männer und eine Frau, seien zwischen 32 und 68 Jahre alt gewesen. Zwischen Bielefeld und Herford starb ein 41-jähriger Mann, die Strecke blieb gestern von 7.10 Uhr bis 10.05 Uhr gesperrt. »Deswegen hatten 58 Züge Verspätung. Fünf fielen ganz aus und zwei wurden umgeleitet.«

In Nordrhein-Westfalen sterben nach Angaben der Bundespolizei, die für Bahnanlagen zuständig ist, jedes Jahr etwa 245 Menschen auf Schienen, im Schnitt alle eineinhalb Tage einer. Bei mehr als 80 Prozent gilt ein Suizid als sicher. Die aktuelle Häufung war wohl Zufall. Jens Flören, Sprecher der Bundespolizei in St. Augustin: »Wir haben vor Jahren eine statistische Auswertung gemacht. Die ergab, dass es weder örtlich noch zeitlich irgendwelche Auffälligkeiten gibt.« Die oft gehörte Annahme, in der dunklen Jahreszeit seien Menschen besonders schwermütig, bestätige die Statistik jedenfalls nicht.

Lokführern ist freigestellt, ob sie nach einem Zusammenstoß sofort stoppen oder bis zum nächsten Haltepunkt fahren. Olaf Teubert (79) aus Bielefeld, der mehr als 50 Jahre Lokomotivführer war: »Ich habe in meinem Berufsleben sechs solcher Erlebnisse gehabt. Ich bin immer weitergefahren. So haben die Fahrgäste nichts mitbekommen, und die Strecke musste nur kurz gesperrt werden.« Der Bundespolizei ist es allerdings lieber, wenn der Zug schnellstmöglich gestoppt wird. Jens Flören: »Es kann sich ja auch mal um einen Mord handeln. Es ist besser, wenn die Spuren möglichst nah am Einsatzort gesichert werden können und nicht erst noch auf Reise gehen.« Auch die Bahn hält einen schnellen Halt für angebracht. Ein Sprecher aus Düsseldorf: »Im Februar glaubte der Lokführer eines ICE, er habe ein Reh erwischt und fuhr weiter. Als der Zug in den Kölner Hauptbahnhof fuhr, sahen die Wartenden einen Toten auf dem vorderen Puffer.«

Durch solche Erlebnisse werden immer wieder Lokführer traumatisiert. Die Deutsche Bahn AG bietet ihnen deshalb umfangreiche Hilfe an. 2011 verklagte ein Lokführer aus Bayern die Eltern eines Studenten, der sich vor einen Zug geworfen hatte und gestorben war. Der Lokführer gab an, seitdem unter Kopfschmerzen und Alpträumen zu leiden und forderte 15.000 Euro Schmerzensgeld. Das Landgericht Nürnberg-Fürth hielt 3000 bis 5000 Euro für angemessen. Eltern und Lokführer schlossen schließlich einen außergerichtlichen Vergleich und vereinbarten Stillschweigen über die Summe.

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Traumatisierte Lokführer

Die Lokführer sehen in der Regel kaum etwas, traumatisiert werden da schon eher diejenigen die Zug und Strecke reinigen müssen. Ich vermute da sind auch einige Trittbrettfahrer, die die Situation zu ihren Gunsten ausnutzen. Und man hat demgegenüber nie etwas von traumatisierten beurlaubten Reinigungskräften gehört.

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