Kleinwüchsiger bedauert Auftrittsverbot in Melle – Diskussion um Menschenwürde Stadt verbietet »Liliputaner-Jagd«

Bielefeld/Melle (WB). Ein Kleinwüchsiger als Disco-Attraktion – eigentlich sollte das ein Partygag werden. Doch die Aktion, für die eine Bielefelder Eventagentur unter dem Stichwort »Crazy Liliputaner« geworben hatte, hat für ordentlich Ärger gesorgt – und eine Diskussion um Menschenwürde entfacht.

Von Christina Ritzau
Der Auftritt von Daniel K. in der Meller Diskothek »Naava« wurde abgesagt.
Der Auftritt von Daniel K. in der Meller Diskothek »Naava« wurde abgesagt.

Daniel K. ist 1,46 Meter groß.

Daniel K. aus dem Kreis Lippe ist 21 Jahre alt und 1,46 Meter groß. Der Kleinwüchsige arbeitet als Heilerziehungspfleger mit behinderten Kindern. Nebenberuflich tritt er seit etwa drei Jahren in Diskotheken und Clubs auf, alle paar Wochen, je nachdem, wie seine Zeit es zulässt. »Ich mache das, weil es mir Spaß macht, nicht um Geld zu verdienen«, betont Daniel K. im Gespräch mit dem WESTFALEN-BLATT. »Und ich mache mich nicht zum Affen.«

Der Kleinwüchsige sollte am Freitagabend in der Diskothek »Naava« in Melle (Landkreis Osnabrück) auf der Bühne stehen. Die Bielefelder Agentur »OK!-Events« hatte Daniel K. für die Veranstaltung gebucht. »Vereinbart waren zwei Mal 15 Minuten Tanz auf der Bühne, Fotos mit den Besuchern im Eingangsbereich und Animation«, sagt Ivan Majstorovic (19), Inhaber von »OK!-Events«.

Kleinwüchigen fangen und Belohnung abräumen

Im Internet soll aber auch eine Art Treibjagd auf den Kleinwüchsigen angekündigt worden sein. »Eine Attraktion der Veranstaltung soll der ›Crayz Liliputaner‹ sein: die Person, die einen Kleinwüchsigen fängt und in den dafür vorgesehenen Käfig sperrt, bekommt eine Belohnung in Form einer Lounge für fünf Personen inkl. Bedienung durch den Gefangenen.« – So hieß es in einer Mitteilung, die die Jusos aus Melle vor der Party auf ihrer Facebook-Seite veröffentlichten.

Es handele sich um »einen tiefen Eingriff in die Menschenwürde«, kritisierte die örtliche Jugendorganisation der SPD. »Ein solches Menschenbild wertet alle Kleinwüchsigen ab«, hieß es weiter. Die Jusos bezogen sich offensichtlich auf einen Post von »OK!-Events«. Den habe man aber wieder gelöscht, sagt Ivan Majstorovic.
Aber da war der Stein schon ins Rollen gekommen: Die Stadt Melle wurde auf die Veranstaltung aufmerksam – und wandte sich an »Naava«-Betreiber Christian Bukmaier. Der wusste nach eigener Aussage bis dato nichts von den Plänen der Bielefelder Eventagentur. »Von einer Treibjagd distanzieren wir uns ganz klar«, sagte Bukmaier dem WESTFALEN-BLATT.

Die Stadt Melle hat laut Sprecher Jürgen Krämer die »gewerbsmäßige Zurschaustellung« des Kleinwüchsigen verboten. Darunter falle nicht nur die Jagd auf ihn, sondern auch der Tanzauftritt von Daniel K.. Also sagte »Naava«-Betreiber Bukmaier den für Freitag geplanten Auftritt ab.

Derzeit wieder »ein Hype«

Für »OK!-Events« wäre der Auftritt des Kleinwüchsigen eine Premiere gewesen. Bei Disco-Veranstaltungen sei das derzeit wieder »ein Hype«, sagte Ivan Majstorovic, der zuvor schon eine Party für das »Naava« organisiert hat. Und der Trend ist nicht ganz neu: Nach der Veröffentlichung des Films »Project X« (2012, darin eskaliert eine Party, und ein Kleinwüchsiger wird in einen Backofen gesperrt) habe es viele solcher Partys gegeben, auch in der Region, sagt der Veranstaltungskaufmann.

Etwas differenzierter sieht die Bünder Agentur »High Quality Events«, die ebenfalls mit Daniel K. zusammenarbeitet, die Situation. »Natürlich sind wir dafür, dass kleinwüchsige Künstler ihr Künstlerleben leben dürfen«, sagt Geschäftsführer Thomas Sobczyk, »aber wir sind dagegen, dass sie alleine wegen ihrer Größe auf der Bühne stehen.« In seinen Veranstaltungen sei der junge Mann aus dem Kreis Lippe zum Beispiel als Zirkusdompteur, Clown oder bei Halloween-Partys aufgetreten. Wie sie sich auf der Bühne präsentieren wollten, sei den Künstlern, die für ihn arbeiteten, freigestellt, betont Sobczyk.

Die Party im »Naava« hat am Freitag übrigens trotz allem stattgefunden – ohne Daniel K.

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