Squash-DM: Raphael Kandra ist in Abwesenheit von Simon Rösner erstmals Topfavorit »Es wird nicht leichter für mich«

Paderborn (WB). Elfmal in Folge hieß der Deutsche Einzelmeister der Squasher Simon Rösner. In diesem Jahr verzichtet der Weltranglistensechste aus strategischen Gründen auf die DM-Teilnahme und macht damit das Titel-Tor für seinen Paderborner Vereinskollegen Raphael Kandra ganz weit auf. Bevor der 27-Jährige von Donnerstag an in Hamburg eventuell Rösners Erbe antritt, sprach er mit Elmar Neumann über seine ungewohnte Favoritenrolle, einen großen Traum, den er und seine Frau Sina haben, sowie Rösners riesige Erfolge.

Raphael Kandra (links) möchte bei den 43. Deutschen Einzelmeisterschaften der Squasher aus dem Schatten von Simon Rösner (rechts) treten. Der Seriensieger verzichtet auf eine Teilnahme und macht den Weg für seinen PSC-Kollegen frei.
Raphael Kandra (links) möchte bei den 43. Deutschen Einzelmeisterschaften der Squasher aus dem Schatten von Simon Rösner (rechts) treten. Der Seriensieger verzichtet auf eine Teilnahme und macht den Weg für seinen PSC-Kollegen frei. Foto: Henning Angerer (Montage)

Herr Kandra, haben Sie sich schon bei Simon Rösner für seinen Verzicht bedankt?

Kandra: (lacht) Nein, so weit ist es noch nicht. Mein Ziel bleibt das gleiche. Ich will Deutscher Meister werden. Daran hat Simons Absage nichts geändert. Neu ist nur meine Rolle. Ich gehe jetzt als Favorit in das Turnier. Das ist eine andere Situation und sicher eine interessante Erfahrung für mich, aber der Weg zum Titel ist für mich nicht leichter geworden. Nun bin ich der Gejagte. Jeder will auf Teufel komm raus Meister werden.

Der Weg ist nicht leichter geworden, obwohl Simon nicht dabei ist?

Kandra: Auf den ersten Blick sieht es vielleicht etwas leichter aus, weil es das Spiel gegen den Top 10-Mann aus der Weltrangliste nicht mehr gibt, doch dafür habe ich den ganz großen Druck. Jeder erwartet von mir, dass ich dieses Turnier gewinne. Das meine ich, wenn ich sage, dass es für mich nicht leichter wird. Ich muss das Ganze noch etwas professioneller angehen, doch wenn Kopf und Körper mitspielen, sollte das schon irgendwie klappen.

Haben Sie Simon gefragt, wie er in den vergangenen Jahren mit dieser Rolle umgegangen ist?

Kandra: Wir haben schon oft darüber geredet, dass es für ihn vermeintlich nicht das schwierigste, aber andererseits doch das schwierigste Turnier überhaupt ist. Der Druck, der Jahr für Jahr auf seinen Schultern gelastet hat, war schon enorm. Er konnte im Prinzip nur verlieren. Aber es stimmt: Wir haben das häufig thematisiert und ich denke, dass ich von Simons Erfahrung mit dieser Situation ein bisschen profitieren kann.

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Ich kann Simons Entscheidung vollkommen nachvollziehen.

Raphael Kandra

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Werden Sie Simon in Hamburg vermissen?

Kandra: (lacht) Nein, wir sehen uns ja sowieso jeden Tag, trainieren täglich miteinander. Und ich kann seine Entscheidung vollkommen nachvollziehen. Ich hätte es an seiner Stelle genauso gemacht. Er muss sich jetzt ganz auf die Weltranglistenturniere konzentrieren. Er ist 30. Ein paar Jahre bleiben ihm noch. Aus denen muss er so viel herausholen, wie es eben geht.

Was sagen Sie zu Simons aktueller Erfolgsserie, erst der sensationelle Triumph beim Tournament of Champions in New York, dann der Finaleinzug bei der Swedish Open?

Kandra: Hammergeil! Das ist unglaublich. Simon hat ein Turnier nach dem anderen nahezu perfekt gespielt. Dass es in Schweden nicht ganz reichen würde, war nach so einem Höhepunkt wie seinem ersten World-Series-Sieg in New York fast zu erwarten. Doch dass er in Linköping im Halbfinale direkt wieder einen Tarek Momen schlägt und erneut ins Finale einzieht, ist unfassbar und ein weiterer Beleg dafür, dass er der beste deutsche Squasher ist, den wir je hatten.

Auch der beste deutsche Squasher, den wir je gehabt haben werden?

Kandra: So weit würde ich noch nicht gehen. Ich werde natürlich versuchen, etwas dagegenzusetzen und noch besser zu sein. Als Profi muss das mein Ziel sein. Simon hat jetzt schon einiges vorgelegt, aber ich bin drei Jahre jünger als er und befinde mich – im Gegensatz zu ihm – noch nicht auf meinem Karrierehöhepunkt. Keine Frage, es wird super, super schwierig, aber ich versuche es.

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Ich möchte meiner Frau Sina nicht zu viel Druck machen.

Raphael Kandra

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Kommen wir zurück zu den Deutschen Meisterschaften. Nach vier zweiten Plätzen in den vergangenen fünf Jahren wäre alles andere als der Titel eine Enttäuschung für Sie?

Kandra: Ja, in diesem Jahr auf jeden Fall, egal wer mich schlägt oder ob ich mich – was ich nicht hoffe – verletze. Das wäre schon extrem schade.

Wer sind die größten Konkurrenten?

Kandra: Das ist ein bisschen tagesformabhängig, aber unter normalen Umständen sind die Wormser Jens Schoor und Tim Weber die beiden Namen, die mir auch in den vergangenen Jahren die meisten Probleme bereitet haben. Gegen Jungs wie Rudi Rohrmüller (Hamburg, Anm. d. Red.) oder Yannik Omlor (Stuttgart, Anm. d. Red.) sollte ich nicht verlieren, aber es ist und bleibt Sport.

Die perfekten Deutschen Meisterschaften wären es, wenn am Sonntagabend sowohl bei den Damen als auch bei den Herren der Name Kandra in der Siegerliste stände?

Kandra: Ja, da ist das Ziel. Das ist unsere Traumvorstellung. Aber ich möchte meiner Frau Sina auch nicht zu viel Druck machen, denn sie hat es ja in den letzten Jahren – auf gut Deutsch gesagt – ein bisschen versemmelt. Also wir stapeln lieber erst mal etwas tiefer und wenn uns der Super-Coup dann tatsächlich gelingen sollte, könnten wir uns umso mehr freuen.

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Wenn mein Körper hält, habe ich das Zeug dazu, das weiß ich.

Raphael Kandra

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Was würde Ihnen der erste Deutsche Einzelmeistertitel bedeuten?

Kandra: Damit hätte ich ein weiteres bedeutendes Zwischenziel in meinen Karriereplanungen verwirklicht. So wie es für Simon damals etwas Großes war, wäre es auch für mich jetzt etwas Großes. Und so ein Titel kann natürlich auch in finanzieller Hinsicht einen Unterschied machen. Wenn ich sagen kann, dass ich Deutscher Meister bin, habe ich es bei der Sponsorensuche bestimmt etwas einfacher. Ich hätte eine andere Präsenz, meine Name würde öfter erwähnt, während ich es derzeit im Schatten von Simon nicht immer so leicht habe. Zudem könnte dieser Titel vielleicht einen entscheidenden Teil zu dem Selbstvertrauen beitragen, das ich benötige, um auch in der Weltrangliste meine Ziele auf absehbare Zeit zu erreichen.

Stichwort Weltrangliste: Sie wollten eigentlich schon Ende 2016 die Top 20 erreicht haben. Das hat nicht geklappt. Aktuell stehen Sie auf Platz 42.

Kandra: Es stimmt. Ich war damals auf einem guten Weg, habe es aber noch nicht geschafft. Das lag und liegt vor allem daran, dass der Weg immer steiniger geworden ist, weil es immer mehr Profis gibt, die ihren Lebensunterhalt mit Squash verdienen wollen und die Leistungsdichte entsprechend höher geworden ist. Heutzutage kann eine Nummer 15 auch mal gegen eine Nummer 60 verlieren. Das wäre früher absolut undenkbar gewesen. Ich bin noch nicht ganz so weit vorne wie erhofft, habe die Ziele aber weiter fest im Visier. Zunächst will ich jetzt endlich mal die Top 30 knacken und dann irgendwann in die Top 10. Wenn mein Körper hält, habe ich das Zeug dazu, das weiß ich.

Was fehlt noch?

Kandra: Spielerisch nichts. Ich habe ja auch so einen Namen wie Daryl Selby (ehemalige Nummer 9 der Welt, Anm. d. Red.) schon mal geschlagen. Es ist allein eine Frage der Konstanz. Man muss es regelmäßig schaffen, sein gesamtes Potenzial abzurufen, dann führt der Weg unweigerlich nach oben. Es ist ziemlich genau das, was Simon bis zu seinem großen Durchbruch gesagt hat – nur noch auf einem anderen Niveau.

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