Uni-Professor Christoph Ribbat hat über Bundesligastar Wilbert Olinde ein Buch geschrieben Basketball und Zeitgeist

Paderborn (WB). Wilbert Olinde kam, sah und blieb. Aus einer Saison wurden zehn, aus einem Jahr der Rest des Lebens. Was der heute 62-Jährige, der 1977 des Basketballs wegen aus Los Angeles nach Göttingen kam, in Deutschland erlebt hat und vor allem wie er Deutschland erlebt hat, davon erzählt der Amerikanistik-Professor Christoph Ribbat von der Uni Paderborn in seinem neuen Buch »Deutschland für eine Saison.«

Von Hans Peter Tipp
Die Lebensgeschichte des Basketballers Wilbert Olinde (rechts) hat Anglistik-Professor Christoph Ribbat (links) von der Uni Paderborn zu einem lesenswerten Buch angeregt.
Die Lebensgeschichte des Basketballers Wilbert Olinde (rechts) hat Anglistik-Professor Christoph Ribbat (links) von der Uni Paderborn zu einem lesenswerten Buch angeregt. Foto: Hans Peter Tipp

Für Olinde, seit 1983 deutscher Staatsbürger, geht mit der Veröffentlichung ein Kindheitstraum in Erfüllung. »Ich habe immer gern gelesen und mir vor allem Biografien ausgeliehen«, gesteht der in Hamburg als Inspirationscoach lebende Olinde jetzt in Paderborn: »Als ich das Buch erstmals in den Händen hielt, hatte ich einen kleinen Flashback. Ich sah mich als jungen Mann, der in der Bibliothek staunend vor all den Büchern stand. Und jetzt findet vielleicht ein anderer Junge oder ein Mädchen irgendwann in einer Bibliothek dieses Buch.«

Deutschland wundert sich, und Olinde wundert sich auch

Als Olinde nach Deutschland kommt, da wundern sich die Deutschen zunächst über diesen erstaunlich großen (2,02 Meter), ungewohnt geschickten und ziemlich dunkelhäutigen Sportler. Aber auch Olinde wundert sich – über Deutschland. Als er in Frankfurt den Flughafen verlässt, fällt ihm an der Ecke ein Sexshop ins Auge. In dem Land, aus der er kommt, ist das undenkbar.

Komisch ist auch der Basketball, der Ende der 70er-, Anfang der 80er-Jahre hierzulande recht amateurhaft gespielt wird. Olindes Mitspieler verbringen mehr Zeit in ihrer Stammkneipe als in der Sporthalle. Geraucht wird in jeder Lebenslage: vor den Spielen, nach den Spielen, in der Kabine und natürlich im Mannschaftsbus. Mit seinem Trainer erreicht Olinde einen Kompromiss: Für eine Stunde bleiben unterwegs zunächst die Glimmstängel aus. Und was passiert? »Nach 59 Minuten und 59 Sekunden flackern die Feuerzeuge des Göttinger Bundesligateams gleichzeitig auf«, schreibt Ribbat, der auch von solchen Episoden aus einem erfolgreichem Basketballerleben berichtet. Schließlich hat Olinde eine ganze Bundesligaepoche geprägt.

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Amerikanische Basketballer waren ja eigentlich Entwicklungshelfer.

Christoph Ribbat

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Aber Ribbats Buch geht weit über das Biografische hinaus. Es erzählt von Deutschland, vom Zeitgeist in der jungen, noch nicht erwachsenen Bundesrepublik, in die Olinde 1977 gerät. Und vom latent unterschwelligen Rassismus. Als der Basketballstar eine Wohnung sucht, bekommt er sie nicht. Sie sei nicht frei, wird ihm beschieden, obwohl sie es ist.

Ribbat liegt diese Thematik sehr am Herzen: »Ich finde es wichtig, Rassismus nicht nur anzuprangern, sondern dem auch eine Geschichte entgegenzusetzen: Schaut an, wie bereichernd Migration ist«, sagt der Amerikanist der Uni Paderborn: »Wilberts Geschichte ist in erster Linie die eines Migranten, der seine Expertise nach Deutschland bringt. Amerikanische Basketballer waren ja eigentlich Entwicklungshelfer. Insofern ist seine Geschichte eine, die zeigt, wie eine Kultur davon profitiert, dass Migranten ihr Wissen und ihre Fähigkeiten mitbringen.«

  • Christoph Ribbat: Deutschland für eine Saison: Die wahre Geschichte des Wilbert Olinde jr., Suhrkamp, 272 Seiten, 24 Euro

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