Shooting-Stars mischen die deutsche Sprintszene auf und machen sich Hoffnungen auf EM-Gold Die jungen Wilden

Paderborn(WB). Die Bahn brennt. Junge Frauen mischen derzeit die deutsche Kurzstrecke auf. Angeführt werden die Sprinterinnen bei den Leichtathletik-Europameisterschaften von heute bis Sonntag in Amsterdam von Tatjana Pinto vom LC Paderborn. Mit der 4x100 Meter-Staffel ist sogar Gold drin.

Von Matthias Wippermann
Tatjana Pinto (24) vom LC Paderborn.
Tatjana Pinto (24) vom LC Paderborn. Foto: dpa

Wer hätte damit gerechnet? Ein Jahr nach dem Karriereende der zweifachen Europameisterin Verena Sailer (2010 in Barcelona über die 100 Meter und 2012 in Helsinki mit der 4x100 Meter Staffel) fällt Deutschlands Frauensprint nicht in ein tiefes Loch. Im Gegenteil. Eine neue Generation sprintet in den Fokus – und wie. Pinto, die am vergangenen Samstag 24 Jahre alt wurde, Rebekka Haase (23, LV 90 Erzgebirge), Lisa Mayer (20, LG Langgöns/Oberkleen) und Gina Lückenkemper (19, LG Olympia Dortmund) präsentieren sich seit Wochen in Topform. Höhepunkt war ihr Auftritt als 4x100 Meter Staffel Anfang Juni in Regensburg in Weltjahresbestzeit von glatten 42 Sekunden. »Ich weiß nicht, ob es in Deutschland schon mal so viele gute Sprinterinnen gab. Alle haben ihre Lauftechnik geändert und sich dadurch deutlich gesteigert«, sagt Pinto.

Verbesserte Technik

Woher diese Leistungs-Explosionen kommen, ahnt Thomas Prange, Sprinttrainer des LC Paderborn. »Die technischen Verbesserungen liegen vor allem an der Arbeit von Valerij Bauer, die mittlerweile Wirkung zeigt«, schätzt Prange das Wirken des Bundestrainers Technik hoch ein. Dennoch sieht Mayer Steigerungspotenzial und meint: »Wir sind ein super Team mit vier super schnellen Mädels. Regensburg war ein super Wettkampf von uns, aber noch nicht perfekt.«

Allerdings hätte die Zeit von Regensburg bei bislang allen Europameisterschaften zu Gold gereicht. 2014 in Zürich gewann England in 42,24 Sekunden, während Deutschland bereits im Vorlauf ausschied, da der Wechsel von Haase auf Pinto misslang. Erstgenannte hofft auf Wiedergutmachung. »Wir können mit der Staffel um die Medaillen mitlaufen. Mit der Zeit von Regensburg stehen die Chancen echt gut. Aber so eine Zeit müssen wir dann auch bringen«, sagt Haase.

Im jüngsten Trainingslager in Kienbaum waren neben Pinto, Haase, Mayer und Lückenkemper auch Janina Kölsch (LC Paderborn) und drei weitere Staffelläuferinnen dabei, die für die EM-Staffel nominiert sind. Auf dem Plan standen vorwiegend die Wechsel, damit sie diesmal funktionieren. Die Vorläufe der 4x100 Meter finden Samstag statt (20 Uhr), die Finalläufe Sonntag (17.35 Uhr).

Pinto geht locker in die EM

Und was ist in den Einzelwettbewerben möglich? Pinto reist als deutsche Titelträgerin über die 100 Meter nach Amsterdam. Bei den nationalen Meisterschaften im Kasseler Auestadion lief sie in 11,22 Sekunden zum Sieg. Ihre Bestzeit liegt bei 11,19 Sekunden. Auch hier sei der Vergleich zur EM vor zwei Jahren gestattet. Pinto, die dort in 11,48 Sekunden 16. wurde, wäre mit den Zeiten von heute eine Kandidatin auf Platz drei gewesen, den Ashleigh Nelson (England) in 11,22 Sekunden belegte. In Amsterdam sollte es zumindest in den Finallauf gehen. Unter Druck setzt sich die LC-Sprinterin aber nicht: »Ich kann nur gewinnen und werde die EM locker angehen.« Klare Favoritin ist Dafne Schippers aus den Niederlanden, die vor heimischen Publikum ihren Titel verteidigen möchte. Los geht es über die 100 Meter, bei denen neben Pinto auch Haase startet, morgen mit den Vorläufen (12.45 Uhr), am Freitag finden die Halbfinal- (19.15 Uhr) und Finalläufe (21.45 Uhr) statt.

Über die 200 Meter führt Lückenkemper die Meldeliste an, die anhand der Saisonbestleitungen ermittelt wird, doch die 19-Jährige meint: »Ich messe der Platzierung in der Meldeliste keine große Bedeutung bei. Mein Ziel ist das Finale.« Ebenfalls am Start sind Mayer und Nadine Gonska (MTG Mannheim). Schon heute finden die Vor- (12.10 Uhr) und Halbfinalläufe (17.30 Uhr) statt, morgen (19.10 Uhr) das Finale.

Die Europameisterschaften sind in diesem für die Leichtathletik bedeutenden Jahr ein Vorgeschmack auf die Olympischen Spiele. Doch so weit denkt Pinto noch nicht und sagt: »Rio ist erst nach Amsterdam.« Auf der Bahn des Olympiastadions im Stadtviertel Stadionbuurt wollen die deutschen Sprinterinnen das nächste Feuerwerk abbrennen.

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