Trainer Jörg Runge kritisiert die zu hohen Erwartungen beim Delbrücker SC »Die Ansprüche haben uns belastet«

Delbrück (WB). Das Schönste kommt für Jörg Runge zum Schluss. Sportlich hat sich der Delbrücker SC zum Jahresende wieder erholt, privat freut sich der Trainer des Westfalenligisten auf die bevorstehende Geburt seines zweiten Kindes. Im Gespräch mit Redakteur Peter Klute zieht der 40-Jährige Bilanz und gibt sich bemerkenswert kritisch.

Zum Haare raufen: Für Trainer Jörg Runge und den Delbrücker SC verlief die Saison bisher nicht nach Wunsch.
Zum Haare raufen: Für Trainer Jörg Runge und den Delbrücker SC verlief die Saison bisher nicht nach Wunsch. Foto: Agentur Klick

Herr Runge, der Delbrücker SC hat in den beiden vergangenen Spielzeiten den Aufstieg in die Oberliga knapp verpasst. Jetzt steht der DSC auf Rang zehn. Wie lautet Ihr Fazit?

Jörg Runge: Ich möchte das Abschneiden gar nicht schönreden, es ist definitiv weniger, als wir uns alle erhofft hatten. Die Ansprüche und Vorgaben des Vereins waren deutlich zu hoch gegriffen, davon konnten wir uns nie wirklich befreien. Man muss klar sagen, dass die Mannschaft das sehr belastet hat. Der DSC wollte an zwei gute Serien, in denen vieles gepasst hat, anknüpfen, da sind die Worte Aufstieg und Meisterschaft etwas zu oft gefallen. Trotz der Abgänge von Leistungsträgern ist zu großer Druck aufgebaut worden. Dass wir immer wieder zum erlauchten Favoritenkreis gezählt wurden, hat dazu geführt, dass sich viele Mannschaften gegen uns hinten reingestellt haben. Das hat die Sache für uns deutlich schwerer gemacht.

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Das haben wir alle unterschätzt. Da nehme ich mich nicht aus.

Jörg Runge

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Hat der DSC den Abgang von Rino Capretti als Abwehrchef nicht verkraftet?

Runge: Ich denke, dass Rinos Leistung als Spieler nicht richtig gewichtet worden ist. Er war ein Innenverteidiger von Regionalliga-Format und bis zwei Wochen vor Beginn der Meisterschaft hatten wir schon die Hoffnung, dass er weiter für uns spielt. Er wollte das auch, aber der SC Verl hat sein aus meiner Sicht berechtigtes Veto eingelegt. Man darf auch Patrick Kurzen nicht vergessen, den Rino mitgenommen hat. Patrick ist einer der Top-Vorbereiter der Regionalliga und einer, der in der Vorsaison häufig den Unterschied zugunsten von Delbrück ausgemacht hat. Um den Ausfall dieser beiden zu kompensieren, hätte ganz viel passen müssen. Das haben wir alle unterschätzt, da nehme ich mich nicht aus.

Welche Rolle spielen die vielen Verletzten?

Runge: Das kam noch obendrauf. Dabei handelte es sich nicht um Spieler, die die Kaderplätze 18, 19 oder 20 einnehmen, sondern um Stammkräfte. Allen voran Marvin Frenz und Mario Freise mit ihren Kreuzbandrissen, die uns auch in der Vorbereitung auf die Restrückrunde noch nicht zur Verfügung stehen werden.

Ersin Gül kehrt aus beruflichen Gründen in der Winterpause zum Bielefelder Bezirksligisten FC Türk Sport zurück. Drohen noch weitere Abgänge und kommen neue Spieler?

Runge: Ich warte auf ein Signal des Vorstandes, wie sich der Delbrücker SC denn im neuen Jahr aufstellen möchte, auch unter Betrachtung der Tabelle. Abgänge können wir uns rein quantitativ nicht leisten.

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Im Nachhinein hätte ich fordernder sein müssen.

Jörg Runge

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Gibt es etwas, das Sie sich vorwerfen?

Runge: Im Nachhinein hätte ich fordernder sein müssen. Aber ich war zu naiv und habe mich darauf verlassen, dass mir gesagt wurde, dass von den fünf A-Jugendlichen, die zu meinem Vorbereitungskader zählten, der eine andere oder andere den Sprung schon schaffen würde. So wie es in der Vergangenheit beispielsweise bei Basti Walter, Patrick Kurzen oder Maximilian Meyer der Fall war. Aber die Jungs brauchen ihr Jahr in der Jugend definitiv noch. Danach sehen wir weiter.

Hat es schon Gespräche über eine Vertragsverlängerung gegeben?

Runge: Nein.

Würden Sie denn gerne Trainer in Delbrück bleiben?

Runge: Es macht mir viel Spaß, ich habe eine tolle Mannschaft. Aber es war in den vergangenen Wochen auch schwierig. Daher ist alles offen. Für mich gab es in der Hinrunde zwei Knackpunkte. In Herford hatten wir die Möglichkeit, unsere positive Serie fortzusetzen und haben dort unglücklich verloren. Dann haben wir das Heimspiel gegen Gievenbeck, für mich die beste Mannschaft der Liga, verloren und die Stimmung wurde sofort negativ. Es herrschte auf einmal ein riesiger Druck. Einige Zeit später haben wir gegen Roxel und Clarholz Unentschieden gespielt und beide Punkte haben sich nicht nur wie Niederlagen, sondern wie Klatschen angefühlt. Vor Beginn der Rückrunde haben wir dann den Druck komplett rausgenommen und den Jungs gesagt, dass wir gegen Neuenkirchen und Schermbeck kein Favorit sind und nichts zu verlieren haben. Das war wie eine Befreiung und wir haben uns berappelt.

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Ich erwarte, dass der Verein klare Kante zeigt.

Jörg Runge

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Was erwarten Sie jetzt vom Verein?

Runge: Dass er klare Kante zeigt und sagt, wo er hin will. Die Frage ist, ob das Ziel heißt, über kurz oder lang in die Oberliga aufzusteigen oder dass 50 bis 60 Prozent der Mannschaft mit Spielern aus den eigenen Reihen besetzt sein sollen. In Anbetracht der Tatsache, dass die Delbrücker A- und B-Jugend in der Bezirksliga spielen, halte ich das schon für große Fußball-Romantik. Ich denke schon, dass ich auch geholt worden bin, weil ich in Verl gezeigt habe, dass ich junge Spieler ausbilden kann. Wenn man dann aber zwei vergeblichen Aufstiegsanläufen nachtrauert und das unbedingt nachholen will, beißt sich das schon etwas. Man darf auch nie vergessen, mit wem wir uns da in der Westfalenliga messen. Herford etwa hat einen Etat, der das Drei- oder Vierfache von dem beträgt, was wir zur Verfügung haben. Die Mischung macht es, Haltern beispielsweise ist in der vergangenen Saison nur aufgestiegen, weil sie in Oerterer einen herausragenden Stürmer hatten. Den einzigen, den ich bei uns auf einem überragenden Niveau sehe, ist Dustin Gräwe. Er kam aus der Landesliga und ist für mich der Gewinner der bisherigen Saison.

Welches Ziel geben Sie für die restliche Rückrunde aus?

Runge: Ich habe ja schon gesagt, dass wir die Rückserie gesondert betrachten möchten. Ich möchte, dass wir in jedem Spiel etwas besser abschneiden als in der Hinrunde. Gegen Neuenkirchen ist uns das nach der Niederlage am ersten Spieltag mit dem Sieg zum Rückrundenauftakt glänzend gelungen. Gegen Schermbeck haben wir diesmal zwar lediglich einen Punkt geholt und in der Hinrunde gewonnen, aber wir haben trotzdem eine erkennbar bessere Leistung abgeliefert. In Schermbeck haben wir damals in der Schlussphase geschwommen und durch einen Abwehrfehler glücklich gewonnen. Das war diesmal ganz anders.

Das Zuschauerinteresse am Laumeskamp wird immer geringer. Wie beurteilen Sie die Situation?

Runge: Das ist für mich ein Spiegelbild des Amateurfußballs, selbst Verl, wo ich nach wie vor wohne und nah dran bin, hat in der Regionalliga Probleme, 500 Zuschauer ins Stadion zu bekommen. Aber ich sehe uns in der Pflicht, mit gutem Fußball möglichst viele Delbrücker anzulocken. Denen sind wir bisher nicht gerecht geworden.

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