Das WESTFALEN-BLATT analysiert die Leistungen der TuS-Spieler in der abgelaufenen Saison Zu viele Baustellen im Rückraum

Lübbecke (WB). Hinter dem TuS N-Lübbecke liegt eine intensive Saison, eine mit vielen Tiefen und wenigen Höhen. Dass man als Aufsteiger keine Bäume würde ausreißen können, war schon vor dem ersten Anpfiff klar. Im Verlauf der Meisterschaftsrunde wurde aber immer deutlicher, dass die personelle Zusammenstellung der Mannschaft entscheidende Defizite aufweist.

Von Volker Krusche
Seine Angriffseffektivität ließ zu wünschen übrig: Marco Bagaric leistete sich eine Unmenge an Fehlwürfen.
Seine Angriffseffektivität ließ zu wünschen übrig: Marco Bagaric leistete sich eine Unmenge an Fehlwürfen. Foto: Thomas F. Starke

Defizite, die auch Trainer Aaron Ziercke eingestehen musste, als er vor dem Schlussspurt der Serie eingestand, »dass wir ausnahmslos introvertierte Spieler in unserem Team haben.« Und genau die Tatsache, dass keiner da war, der seine Kollegen mitreißt, sie in den Kampfmodus führt und im Spiel Zeichen setzt, ließ die TuS-Auftritte nicht selten blutleer wirken.

Erst als alles schon verloren schien, zeigte die Mannschaft Charakter, erwies sich in Berlin und gegen Flensburg als Wadenbeißer, der sich erst in den Schlussakkorden abschütteln ließ, und zeigte in Gummersbach, dass man sich eben doch gegen den Abstieg stemmen kann. In Lemgo war es dann wieder typisch: Der TuS ist das Team der zwei Gesichter. Fazit: Es fehlte – insbesondere im Rückraum – an der Qualität für die 1. Bundesliga!

Dass es am Ende nicht mit dem Erreichen des gesteckten Zieles geklappt hat, lag zweifellos auch daran, dass das zuvor gegen die Mitkonkurrenten auf eigener Platte Verpasste nicht zwangsläufig in zwei Schlüsselspielen wieder gerade zu biegen war. Dem Aufstieg folgte nun also gleich wieder der Abstieg. Man musste letztlich in Ludwigshafen einen finanziell schlechter gestellten Gegner überraschend den Vortritt lassen. Das lag zweifellos an vielen Schwachpunkten innerhalb des TuS-Teams. Das WESTFALEN-BLATT analysiert die einzelnen Mannschaftsteile des TuS:

Tor

Unbestritten der Bereich mit den geringsten Problemen. Hier war man absolut wettbewerbsfähig, was insbesondere auch an der positiven Entwicklung von Joel Birlehm lag.

Peter Tatai : Der Ungar startete bärenstark in die Saison, war gerade von den Außenpositionen nur schwer zu bezwingen. Bestätigte zu diesem Zeitpunkt nachhaltig seine Position als Nummer eins. Doch die schwand im Verlauf der Saison mehr und mehr, was an seinem immer stärker werdenden Pendant lag. Insgesamt lieferte der Routinier aber eine ordentliche Saison ab – allerdings mit größeren Schwankungen. Im HBL-Ranking nimmt er Platz 16 ein, kam bei einer Spielzeit von 18:57 Stunden auf insgesamt 201 Paraden, davon elf Siebenmeter. Seine Quote lag bei 28,51 Prozent gehaltener Bälle. War mit sechs Strafminuten Strafbankkönig aller Torhütern. Tatai erzielte zwei Tore.

Joel Birlehm : Die Entdeckung der Saison. Im Sommer erst aus der Drittligamannschaft von Nachbar GWD Minden gekommen, zeigte er schnell, dass er mehr wollte, als nur den Nummer-Zwei-Status. In zahlreichen Spielen, darunter beide Derbys, zeigte Birlehm sein Können und war mehrfach bester Lübbecker Spieler. Klar, dass der 21-Jährige das Interesse anderer Klubs weckte. So soll sich der SC DHfK Leipzig angeblich für die Zeit nach der Saison 2018/19 seine Dienste bereits gesichert haben. Birlehm stand 15:03 Stunden auf der Platte, wehrte dabei 190 Bälle, darunter vier Siebenmeter ab. Damit kam er auf eine Quote von 32,37 Prozent gehaltener Würfe. Im Liga-Ranking liegt er als 17. vor so namhaften Torhütern wie Malte Semisch, Dario Quentstedt, Milos Putera, Andreas Wolf, Johan Sjöstrand oder Peter Stochl. Drei Tore gingen auf sein Konto.

Abwehr

Piotr Grabarczyk : Am Abwehrspezialist schieden sich die Geister. Nicht selten setzte Trainer Aaron Ziercke auf ein anderes Duo im Innenblock. Der Pole schien seine besten Jahre hinter sich zu haben, wirkte häufig zu langsam, was sich in Toren, Siebenmetern oder Zeitstrafen niederschlug.

Gesetzt war Nils Torbrügge , der seine Aufgabe gut löste, aber als einer – wenn nicht der einzige - offensichtlich richtig zupackende Deckungsspieler häufig die Strafbank drückte. Youngster Moritz Schade löste seine Aufgabe gut, ebenso Lukasz Gierak , der zumindest in der Defensive seine Erwartungen erfüllen konnte. Eine Bank war indes Jens Bechtloff . Licht und Schatten wechselte derweil bei Jo Gerrit Genz , der in einigen Spielen schlicht überfordert schien. Oft musste ihm Rechtsaußen Luka Rakovic helfen, so dass dessen Gegner dadurch entscheidende Freiräume erhielt.

Kreisläufer

Zwar gingen knapp 15 Prozent aller TuS-Tore auf die Konten von Nils Torbrügge und Moritz Schade, die zudem noch einige Siebenmeter rissen, das Duo strahlte aber nicht die Gefahr aus, wie andere Kollegen in der Liga. Das lag aber wohl auch am Zusammenspiel mit dem Rückraum.

Nils Torbrügge : Als Kreisläufer ist man immer darauf angewiesen, was man an Zuspielen erhält. Da hakte es im Lübbecker Angriffsspiel. Der Kapitän machte seine Sache daher recht gut. Seine Effektivität wird überraschen, denn von 80 Würfen verfehlten nur 17 ihr Ziel. Ihm unterliefen aber auch 24 technische Fehler.

Moritz Schade : Im Gegensatz zur Torbrügge muss er noch an seinem Abschluss feilen. 31 Tore gingen in 33 Spielen auf sein Konto, fast die gleiche Zahl fand nicht ihr Ziel – zumeist aber spektakuläre, freistehende Würfe. Die bleiben verstärkt in Erinnerung. Schade hat mit seinen 22 Jahren die sportliche Zukunft noch vor sich, dürfte aus dem ersten Bundesligajahr sicherlich viel mitnehmen.

Außen

Die beiden Außenbahnen waren im Angriff jene Positionen, auf denen es die geringsten Probleme gab. Einzig nach den Verletzungen von Tim Remer und Jens Bechtloff fehlte durch Ersatz Jan-Eric Speckmann auf der linken Seite logischerweise die Erfahrung. Leider erhielten alle Außen von ihren Mitspielern im Rückraum weiterhin zu wenig Bälle, sonst hätten sie sich zweifellos noch besser in Szene setzen können.

Jens Bechtloff : Einzig Verletzungen konnten »Mister Zuverlässig« stoppen. Er entpuppte sich schnell als Bester aller Außen. War zudem sehr vielseitig einzusetzen – auch als Spielmacher in der Rückraummitte. Erzielte im Schnitt fast vier Tore und brachte zwei Drittel seiner Würfe im gegnerischen Kasten unter. Eine unverzichtbare Größe im Lübbecker Kader – gerade auch aufgrund seiner Persönlichkeit.

Tim Remer : Der Mann der offenen Worte. Als dienstältester Lübbecker Spieler nahm er gerade nach Pleiten kein Blatt vor den Mund, sprach Defizite offen an. Das wird dem TuS künftig fehlen. Sportlich auch in seinem zwölften Jahr am Wiehen mit seinen inzwischen 32 Jahren immer eine Bank. Bitter nur, dass der Dauerbrenner sich so schwer verletzte. Bildete mit Jens Bechtloff eine absolut bundesligataugliche Flügelzange.

Jan-Eric Speckmann : Als Back-up von Bechtloff nach der Remer-Verletzung vom Koordinationspartner Nordhemmern aus der Oberliga geholt, ging er die große Aufgabe mit viel Elan an. Sah seine große Chance, als auch »Feile« ausfiel. Sein Einsatz lässt nie zu wünschen übrig. Macht seine Rolle für seine Verhältnisse ordentlich, muss aber noch viel lernen.

Luka Rakovic : Kam nach Saisonbeginn für Ramon Tauabo, hatte also keine Saisonvorbereitung mitmachen können. Erledigte seine Aufgabe dafür aber sehr gut. Zwei Drittel seiner Würfe landeten im Tor. Hat gelernt, in wichtigen Situationen den geraden Wurf zu nehmen und auf einen Kunstwurf zu verzichten. Das hatte Trainer Ziercke ihm eingebläut. Ein Mann, der auf jeden Fall in der Bundesliga spielen kann.

René Gruszka : Die 1. Liga scheint für den 27-Jährigen eine Nummer zu groß, auch wenn man intern davon überzeugt ist, dass er auch hier ein ordentlicher Back-up sei. War hinter Rakovic aber klar nur zweite Wahl und erhielt folgerichtig keinen neuen Vertrag.

Rückraum

Die Problemzone des TuS N-Lübbecke. Das, was da war, passte irgendwie nicht zusammen. Keiner der sieben Rückraumspieler erfüllte die Erwartungen über die gesamte Saison auch nur zu 50 Prozent. Daher wurden Blick auf die neue Saison auch Veränderungen vorgenommen. Mit will man den offensichtlichen Schwächen Herr werden. Abwarten.

Lukasz Gierak : Seine Weiterbeschäftigung löst starke Zweifel aus, denn der Pole gilt als die Enttäuschung der Saison. Von einem Nationalspieler ist sehr viel mehr zu erwarten. Er muss die Mannschaft in schwierigen Situationen führen und sich nicht als Mitläufer verstecken. Als Werfer im linken Rückraum zu schwach, fehlte ihm in der Mitte der Spielwitz, dem ihm Kenji Hövels oder Ante Kaleb voraus hatten. 49 technische Fehler sind die mit Abstand höchste Quote beim TuS. Nur fünf Spieler in der ganzen Liga (darunter Julius Kühn als zweitbester und Christoph Steinert als elftbester Schütze sowie Spielmacher Morten Olsen) weisen einen schlechteren Wert auf. Seine Angriffseffektivität für die in 34 Spielen erzielten 82 Tore lag bei 37 Prozent. Als Anspieler an den Kreis war Gierak der schwächste der Rückraumspieler. Leistete sich dabei die mit Abstand meisten Fehlpässe im TuS-Team. Hatte nur vier lichte Momente in der abgelaufenen Saison.

Marco Bagaric : Muss von seinem Mittelmann »geholt« werden, was einzig Kaleb, nicht aber Gierak gelang. War nur dann stark, wenn für ihn gespielt wurde. Einzelaktionen ohne Tempo mit unvorbereiteten Würfen gingen – wen wundert’s – in der Regel schief. Erzielte hinter Jaanimaa (inklusive Melsungen) und Bechtloff die meisten Tore (88), wies aber auch die mit Abstand meisten Fahrkarten (133) auf. Nur sechs Toptorjäger der Liga liegen hier noch höher. Sie wiesen aber alle eine deutlich bessere Wurfeffektivität auf.

Ante Kaleb : Lange Zeit schmorte er zu recht auf der Bank. Kaleb wirkte nicht austrainiert und fand bei seinen Kurzeinsätzen kaum ins Spiel. Die Schwäche Gieraks und die lange Verletzungspause Hövels eröffneten ihm dann allerdings Chancen, um sich zu zeigen. Das gelang ihm über weite Strecken der Saison nur mit mäßigem Erfolg. Selten ließ der Kroate aufblitzen, was er kann. Gegen Saisonende war er aber eine unverzichtbare Größe im Angriff. Er erhielt keinen neuen Vertrag, wurde Gierak in den finalen Partien am Saisonende aber vorgezogen.

Kenji Hövels : Es wirkt, als wäre die 1. Bundesliga für den kleinen Spielmacher eine Nummer zu groß. Allerdings hatte ihn eine frühzeitige, langwierige Verletzung so stark zurückgeworfen, dass eine Antwort darauf nur schwer möglich ist. Wird sich in der kommenden Saison in Liga zwei aber sicherlich einfacher beweisen können.

Dener Jaanimaa : Wurde folgerichtig in der Winterpause geholt, weil vom Duo Zetterman/Genz viel zu wenig Torgefahr ausging und der TuS für jeden Gegner leicht auszurechnen war. Der Linkshänder konnte die in ihn gesetzten Hoffnungen lange Zeit nicht bestätigen. Erst auf der Zielgeraden der Saison war er die erhoffte Verstärkung. Erzielte in den letzten vier Spielen 32 Tore! Muss in der neuen Spielzeit viel stabiler in seiner Leistung werden, wenn er trotz Vertrag nicht noch vom TuS-Zug abspringt.

Jo Gerrit Genz : Er ist jung, er ist groß, er will – und trotzdem wirkt er überfordert. In der Defensive gesetzt, ließ er sich von einigen Gegenspielern zu leicht austanzen. Und vorn muss seine Durchschlagskraft deutlich größer werden. Obwohl mit seinen 23 Jahren noch jung, reicht es dauerhaft nicht, nur ein Talent zu sein. In der 2. Liga dürfte es für Genz aber leichter sein, sich zu beweisen.

Pontus Zetterman : Der Topspieler der 2. Bundesliga kam im Handball-Oberhaus überhaupt nicht zurecht. Die belle etage war aufgrund seiner fehlenden Wurfkraft aus dem Rückraum eine Nummer zu groß für ihn. Allein mit seinen technischen Fähigkeiten konnte der Schwede die gegnerischen Abwehrspieler nicht beeindrucken. Dürfte in der neuen Saison bei Zweitligist Coburg aber bestimmt wieder aufblühen.

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