Was bei den Lübbeckern auffiel: Bankdrücker trotz neuen Vertrags – Tempospiel – taktische Disziplin TuS muss seine Personalpolitik hinterfragen

Lübbecke (WB). Nach dem feststehenden Abstieg aus der Handball-Bundesliga wird allerorten viel diskutiert und gerätselt, warum es den TuS N-Lübbecke denn erwischt habe. Gründe werden zuhauf ins Feld geführt, wobei möglicherweise jeder einzelne schon ausschlaggebend gewesen sein könnte, den Sturz in die Zweitklassigkeit zu verhindern.

Von Volker Krusche
Am Boden: Lukasz Gierak. Obwohl sein Vertrag verlängert wurde, kam er in der entscheidenden Phase kaum zum Einsatz.
Am Boden: Lukasz Gierak. Obwohl sein Vertrag verlängert wurde, kam er in der entscheidenden Phase kaum zum Einsatz. Foto: Oliver Schwabe

Personalpolitik 1

Ein Jahr lang war man beim TuS auf Suche nach einem geeigneten Halblinken, wollte sich unbedingt Zeit lassen, um dann den richtigen Mann präsentieren zu können. Herausgekommen ist ein Spieler aus dem »Mutterland« des Handballs, Katar. Die Bundesliga nur aus Erzählungen gekannt, sollte Marko Bagaric wohl angesichts seiner Größe von 2,02 Metern der neue Heilsbringer sein. Welch fataler Trugschluss. Seine Akklimatisierung, die noch von einer Verletzung »torpediert« wurde, dauerte lange, auch weil es ihm an Fitness und Wettkampfhärte fehlte. Das als Ergebnis einer mehr als einjährigen intensiven Suche.

Personalpolitik 2

Warum Lukasz Gierak einen neuen Vertrag erhielt, ist vielen Fans ein Rätsel. Wahrscheinlich um den allgemein recht unbekannten polnischen Landsmann am Kreis, Patryk Walczak, nach Lübbecke zu locken und ihn am Wiehen zu unterstützen. Da sich der TuS aber für Gierak und gegen Ante Kaleb entschied, war es umso unbegreiflicher, dass es der Kroate war, der in den entscheidenden Partien auf der Platte stand, während der Pole auf der Bank schmorte.

Personalpolitik 3

Um als Aufsteiger in der 1. Bundesliga bestehen zu können, muss schon Vieles passen. Zumindest aber muss man erwarten können, dass der eigene Rückraum, wenn man schon über insgesamt sieben Spieler für die drei Positionen verfügt, mehr Akzente setzen, als Fehler produzieren wird. Das konnte von der zweiten Reihe der Lübbecker allerdings überhaupt nicht behauptet werden. Durchschlagskraft, Chancenverwertung, Treffen richtiger Entscheidung, Ballsicherheit – alles Dinge, bei denen unübersehbare Schwächen die Aktionen bestimmten.

Personalpolitik 4

Schaut man sich bei anderen Bundesligisten, insbesondere den Topteams um, dann dauert es oftmals nur ein halbes Jahr, bis ausländische Spieler sich auf Deutsch verständigen können. Beim TuS ist es jedoch so, dass man auch nach fast zwei Jahren auf Spieler trifft, mit denen man Gespräche auf Englisch führen muss. Integration in eine Mannschaft und ein Umfeld muss vom neuen Mann betrieben werden. Allerdings fühlen sich Spieler auch seitens der Verantwortlichen etwas im Stich gelassen. Und hier gilt: Wer sich nicht wohlfühlt, bringt auch nicht seine beste Leistung. Vielleicht muss das Zusammenspiel Spieler-Verein außerhalb des sportlichen Sektors verbessert werden.

Kein schöner Handball

Am Ende würde es keinen kratzen, wenn eine Mannschaft keinen schönen, dafür aber einen effektiven Handball spielt. In etwa so, wie es der FC Schalke 04 in der abgelaufenen Saison in der Fußball-Bundesliga praktiziert hat. Beim TuS aber traf beides nicht zu. Der überforderte Rückraum humpelte auf der Platte herum, ohne erkennbar effektiv sein zu können. Zu viel spielte sich zwischen den beiden Halbpositionen ab, die Außen wurden nur selten, dann aber erfolgreich ins Spiel einbezogen. Eine spielerische Entwicklung war im Verlauf der Saison kaum feststellbar.

Taktische Disziplin

Jetzt weiß man als Außenstehender natürlich nicht, was und wie die Mannschaft vor den Spielen in den Übungseinheiten trainiert. Fakt ist aber, dass Trainer Aaron Ziercke seine Mannen wohl stets auch eingehend und detailliert im taktischen Bereich auf den Gegner vorbereitet hat. Das jedenfalls bestätigten seine Jungs fast Woche für Woche. Das Problem nur: Sie setzten die im Training erarbeiteten Vorgaben in den Spielen nicht um.

Tempospiel – wo?

Immer und immer wieder forderte Aaron Ziercke das Tempospiel von seiner Mannschaft ein. Angesichts weniger Abwehr-Angriffswechsel sollten Ballgewinne umgehend durch Konter zu einfachen Toren genutzt werden. Hinzugesellen sollte sich eine deutlich verbesserte zweite und dritte Welle. Für ein Team, dass die schwächste Durchschlagskraft aller Bundesligisten besaß, war das angesichts einer sehr viel stabileren Deckung förmlich ein Muss. Nur gesehen hat man davon kaum etwas. Leichte Tore Fehlanzeige!

Zwei wichtige Eckpfeiler

Tim Remer ist ein Mann der offenen Worte. Er geht geradeaus. Und genau so ein Mann fehlte Lübbecke spätestens nach dessen Kreuzbandriss und dem zusätzlichen Ausfall von Jens Bechtloff. Trainer Ziercke suchte vergeblich nach einem Leader. Es waren einfach zu viele introvertierte Spieler im Kader. Keiner, der mal auf den Putz haute und die anderen mitriss. Ein Ergebnis der Zusammenstellung der Mannschaft.

Nicht genutzte Variante

Kenji Hövels verletzt, Ante Kaleb lange nicht in Form – da schien auch eine Besetzung der Rückraummitte mit Pontus Zetterman möglich. Doch der schnelle und technisch versierte Linkshänder kam nach seinem vergeblich forcierten Abgang Richtung Stuttgart nicht über das Bankdasein hinaus. Im rechten Rückraum fehlte ihm allerdings eindeutig die Erstligatauglichkeit.

Nur ein echter Gewinner

Es war nicht alles schlecht, was die Saison des TuS N-Lübbecke in der 1. Bundesliga ausmachte, wenngleich der Schatten gegenüber den lichten Seiten klar dominierte. Aus dem Drittligateam von GWD Minden durch Aaron Ziercke geholt, war Joel Birlehm der einzig wirkliche Gewinner im TuS-Team. Er trat in der Bundesliga auf, als wäre er sportlich nie woanders zuhause gewesen. Mit seinen gerade erst 21 Jahren dürfte er in den Fokus viele Erstligisten gerückt sein und könnte eine vielversprechende Zukunft haben. Auch Luka Rakovic spielte eine gute Saison, stieg er als »Nachrücker« doch ohne Saisonvorbereitung ein.

Erstes Kooperations-Ergebnis

Eigentlich hatte man damit gerechnet, mal ein Talent aus der Bundesliga-Jugend der JSG NSM-Nettelstedt als Perspektivspieler fest im TuS-Kader zu begrüßen. Stattdessen wurde aus der Not eine Tugend gemacht und von Kooperationspartner LiT NSM mit Jan-Eric Speckmann ein Spieler hochgezogen, der nach dem Ausfall von Tim Remer als Backup für Jens Bechtloff angesehen wurde. Nach kurzer Zeit musste der Oberligaspieler aber von Beginn an in der 1. Bundesliga ran. Trotz des Abstiegs der Lübbecker ging für »Specki« somit ein Traum in Erfüllung.

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