Turnen: Olympia-Teilnehmerin Nadine Jarosch (20) aus Werther hat ihre Karriere beendet Willkommen im »normalen« Leben

Werther (WB). Sie hat als Leistungssportlerin fast alle Höhen und Tiefen erlebt und die halbe Welt gesehen. Sie war Mitglied der Riege des Deutschen Turnerbundes, die bei der WM 2011 in Tokio das Ticket für den Traum aller Spitzensportler löste. Und gehörte im Sommer 2012 zu jener Auswahl, die die deutschen Farben bei den Olympischen Spielen in London vertrat. Gute drei Jahre später entdeckt die inzwischen 20-jährige Nadine Jarosch aus Werther das Leben nach der Sportkarriere.

Von Burkhard Hoeltzenbein
»Am Anfang war es schwer, ein normales Leben ohne Sport zu führen«, sagt Nadine Jarosch. Nach zwei Kreuzbandrissen hat sie ihre Karriere beenden müssen.
»Am Anfang war es schwer, ein normales Leben ohne Sport zu führen«, sagt Nadine Jarosch. Nach zwei Kreuzbandrissen hat sie ihre Karriere beenden müssen. Foto: Thomas Finke

Als Studentin für Medienpsychologie im dritten Semester an der Universität Köln erlebt Nadine Jarosch nun das, was ihr in ihrem ersten Leben als Leistungssportlerin nie vergönnt war. »Am Anfang war es schwer, ein normales Leben ohne Sport zu führen«, gibt sie am Mobiltelefon zu, als sie gerade auf dem Weg zum Weihnachtsmarkt an der Kölner Domplatte ist. Normale Sachen wie mit Freunden Kaffee trinken zugehen, ohne den Diätplan im Kopf etwas »Verbotenes« zu essen oder die Beziehung zu ihrem Freund zu pflegen, waren für die Wertheranerin vorher nie drin.

»Vorher«, das war die Zeit des vollgepackten Trainingsplans, den sie spätestens mit ihrem Wechsel ans Christian-Dietrich-Grabbe-Gymnasium in Detmold und ans dortige Leistungszentrum für das eine Ziel – Olympische Spiele – auf sich nahm. Die Zeit der Entbehrungen. Der totalen Disziplin. Des unbändigen Erfolgswillens, der die damals 16-Jährige 2011 als 16-Jährige bei ihrem WM-Debüt auf Anhieb auf Platz zehn der Mehrkampf-Einzelwertung trieb. Und der Schmerzen.

Wehmut in der fröhlichen Stimme

Kommt sie auf ihre Verletzungen zu sprechen, die sie immer wieder zurückwarfen und letztlich ihr Karriereende begründeten, ist Wehmut in der fröhlichen Stimme herauszuhören. Nach dem ersten Kreuzbandrisssetzte sie alles daran, sich wieder an die deutsche Turnelite heranzukämpfen. Das Band riss erneut, die zweite Operation verlief nicht optimal, ein Teil vom Meniskus musste weggenommen werden. Für die extremen physikalischen Belastungen, die insbesondere bei den Sprüngen in ihren Disziplinen auftreten, war die Diagnose natürlich reines Gift.

Geplatzt ist durch den Rückschlag auch der Traum, nach dem Abi mit einem Stipendium nach Salt Lake City (USA) zu gehen, um auf hohem Niveau weiterzutrainieren. Es hat lange gedauert, bis Nadine Jarosch ihren Frieden mit dem unvermeidlichen Ende ihrer Leistungssportkarriere gemacht hat. »Erst jetzt in der Nachbetrachtung empfinde ich langsam so etwas wie Stolz auf das, was ich erreicht habe«, sagt sie und es klingt nicht ein bisschen arrogant. Damals in Tokio turnte sie allevier Geräte durch, stand im Team- und Mehrkampffinale. »Zu den bestenzehn der Welt zu gehören, schaffen nicht viele Sportler«, sagt sieheute. In dem Moment, als bei ihr körperlich und mental alles passte,konnte sie den Erfolg nicht einmal genießen.

Auch wenn sie es selbst nicht so offen sagt, klingt doch durch,welcher Konkurrenzkampf um die wenigen Plätze in der Einzelsportart Turnen herrscht. »Das Jahr vor London war sehr hart«, erklärt Jarosch. Im Kampf um einen Startplatz im deutschen Team ging sie im Training bis an die Grenze. Ein Ödem im Fuß mit dem Risiko eines Ermüdungsbruchs gefährdeten ihren Lebenstraum.

Der Phantomschmerz ist noch da

Sie biss sich durch, kämpfte sich heran, schaffte in einer knappen Entscheidung den »Cut« fürs Olympia-Team. »Die Eröffnungsfeier habe ichnur im Fernsehen erlebt, weil unsere Wettkämpfe zwei Tage später begannen«, fehlt ihr diese »Live-Erfahrung«. Doch das Gänsehautgefühl beim ersten Einmarsch in die vollbesetzte Halle entschädigte genauso wie das Leben im Olympischen Dorf und den Begegnungen mit Superstars wie Leichtathlet Usain Bolt.

Momente, die sie nie vergessen wird. Und die jetzt, dreieinhalb Jahre danach, langsam die Enttäuschung überlagern, die das verpasste Finale damals auslöste. Überhaupt relativiert sich das Sportlerleben für die Wertheranerin immer mehr.

Der Phantomschmerz ist aber noch da. »Bei den Deutschen Meisterschaften war ich als Zuschauerin mal wieder dabei«, erzählt sie von Tränen, die da geflossen sind. »Man spürt immer noch innerlich bei jeder Bewegung, was da in den Athletinnen abgeht«, sagt sie. Dafür ist ihr der Sportdann doch noch zu nah. Ob sie ihre sportlichen Erfahrungen selbst einmal an den Turnnachwuchs weiter geben möchte? »Nein«, lautet die klare Antwort. Das Trainerdasein schließe sie kategorisch aus. So spricht eine, die ihren neuen Weg längst gefunden hat.

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