Fünftbeste Meldezeit: Amanal Petros startet Sonntag bei DM in Nürnberg über 5000 Meter An der Taktik gefeilt

Bielefeld (WB). Amanal Petros wirkt restlos entspannt. Der TSVE-Ausnahmeläufer ist gerade von Physiotherapeut Karsten Stolle massiert worden. Petros genießt diesen kleinen Luxus zwischendurch. Grinsend entblößt der 20-Jährige seine weißen Zähne. »Das tut echt richtig gut. Ich fühle mich so leicht.«

Von Jörg Manthey
Der doppelte Amanal Petros: Amüsiert betrachtet der TSVE-Ausnahmeläufer ein Foto von sich. Nach einer Massage stattete der Äthiopier der WB-Sportredaktion einen Besuch ab.
Der doppelte Amanal Petros: Amüsiert betrachtet der TSVE-Ausnahmeläufer ein Foto von sich. Nach einer Massage stattete der Äthiopier der WB-Sportredaktion einen Besuch ab. Foto: Jörg Manthey

Leicht: Dieses Gefühl gilt es bis Sonntagnachmittag zu bewahren. Bei den 115. Deutschen Leichtathletik-Meisterschaften im Grundigstadion zu Nürnberg gehört Amanal Petros zum Kreis der Podestanwärter. Im 28-köpfigen Feld weist er die fünftschnellste Meldezeit auf.

Zumindest der Griff nach Bronze scheint realistisch. »Da stehen einige im Feld, die echt was drauf haben«, gibt sich SVB-Lauftrainer Thomas Heidbreder zurückhaltend. Seinem Schützling bescheinigt er die passende DM-Form. »Amanal ist gut drauf. Die letzten Einheiten waren gut. Er gehört in den vorderen Bereich.«

Weiter mag sich der A-Lizenztrainer nicht aus dem Fenster lehnen. Vor allem Richard Ringer aus Friedrichshafen, der neulich mit einer Zeit um 13:10 Minuten aufhorchen ließ, ist für ihn Topfavorit. Auch Clemens Bleistein (München) und Philipp Pflieger (Regensburg) sind auf Edelmetall aus.

Amanal Petros hat in diesem Jahr draußen schon zwei DM-Titel eingesackt. Im Crosslauf und über 5000 Meter ist er bei den U 23-Junioren das Maß aller Dinge. Die Erinnerungen an seine Männer-DM-Premiere im Vorjahr lassen Petros schaudern. Im Ulmer Donaustadion hatte er sich über die 5000 Meter zu viel zugetraut, war gleich an die Spitze des Feldes gesprintet. Die Selbstüberschätzung seines Leistungsvermögens sollte sich zwei Runden vor Schluss rächen. Der Bielefelder musste, aussichtslos im Hintertreffen liegend, entkräftet aussteigen. »Das war auch Kopfsache. Dieser Rückschlag war eine wichtige Lektion«, sieht Heidbreder das Positive.

Inzwischen ist Amanal Petros (»Ich habe nicht so viel Erfahrung auf der Kurzstrecke wie andere Läufer«) ein Jahr reifer geworden, hat einige Nationale Titel gesammelt und weiß um die besondere Atmosphäre, die ihn am Sonntag (Start: 16.15 Uhr) erwarten wird. Titelkämpfe sind in der Regel von Taktik geprägt. Die Zeit ist da eher zweitrangig. Deshalb hat Thomas Heidbreder viel am taktischen Verständnis gefeilt. Wechsel schnell-langsam, auf die Sekunde exakte Rundenzeiten. »Das wird im Rennen funktionieren.«

Ein schneller Lauf würde Petros wohl in die Karten spielen. Aber: »Ich werde definitiv nicht von vorne laufen. Auf gar keinen Fall«, winkt er dankend ab. Ulm lässt grüßen. Den Stadionrekord in Nürnberg hält übrigens sein prominenter Landsmann Haile Gebreselassie, der im Jahr 1997 eine Zeit von 12:54,60 Minuten markierte.

Amanal Petros ist seit vier Jahren in Deutschland, hat sich so manche Tugend angeeignet (»Ich bin immer pünktlich«) und inzwischen auch seinen Hauptschulabschluss in der Tasche. Wenn er die Bilder mit den Flüchtlingen sieht, die nach Deutschland und auch nach Bielefeld strömen, wird ihm ganz anders. Petros kann sich angesichts seiner eigenen Erfahrungen nur zu gut in deren Lage versetzen – und hat sich überlegt zu helfen.

In seinem Rahmen. »Ich werde mich mal mit dem AWO-Clearinghaus in Verbindung setzen und anbieten, dass ich zweimal in der Woche mit Interessierten laufe.« In jener Einrichtung war auch Amanal Petros nach seiner Flucht zunächst betreut worden. An seinem Asyl-Status hat sich noch nichts geändert. Petros hat den Einbürgerungstest bestanden (30 von 33 Fragen richtig) und übt sich seither in Geduld. »Was anderes bleibt mir doch nicht übrig.« Unterstützung gibt’s von höchster Stelle: Michael Vesper, Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes, setzt sich für den Bielefelder Laufdiamanten ein.

Etwas wehmütig verfolgten Amanal Petros und Thomas Heidbreder die U 23-Europameisterschaft in Talinn/Estland. Über 5000 Meter war kein Deutscher am Start. »Amanal hätte da mit seiner Zeit gut reingepasst«, urteilt Heidbreder. Eine Medaille war greifbar. Aber eben nur als Deutscher. Nun werden mit den 36 Einzel- und acht Staffelentscheidungen in Nürnberg auch die deutschen Startplätze für die Weltmeisterschaften in Peking (22. bis 30. August) ermittelt. Wer im Frankenland dominiert, darf sich in China mit der Weltspitze messen. Ein doppelter Anreiz.

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