Kommentar zur Arminia-Jahreshauptversammlung Die Aussicht ist erstklassig

Es war dem Anlass angemessen: Wenn Perspektivisches dieser Größenordnung passiert, dann sollte man sich Zeit nehmen. Und seien es sechs Stunden für die Jahreshauptversammlung .

Von Sebastian Bauer
Die Mitglieder haben dem Sanierungskonzept zugestimmt.
Die Mitglieder haben dem Sanierungskonzept zugestimmt. Foto: Thomas F. Starke

Was zuvor schon ausgiebig besprochen worden ist, was längst auf Papier festgehalten wurde, haben die Mitglieder mit ihrem Votum am Sonntag endgültig auf den Weg gebracht. Der Pflegefall Arminia soll dank eines Sanierungskonzepts in naher Zukunft zum gesunden Zweitligisten werden.

Dabei darf Zweitligist als Platzhalter verstanden werden . Wenn so bedeutende ostwestfälische Unternehmen wie Oetker, Schüco, Goldbeck oder DMG Mori viel Geld in die Hand nehmen, um den DSC zu unterstützen, soll aus Sicht dieser Global Player das Langzeitziel nicht Zweitklassigkeit sein. Wenn Geschäftsführer Markus Rejek davon spricht, dass man sich im oberen Drittel der 2. Liga etablieren möchte, dann wird das Ziel des Vereins sicher nicht sein, fünf Jahre in Folge Fünfter zu werden.

Auf Bundesliga-Werbetour geht niemand

Die 1. Liga hat man im Hinterkopf, auf große Bundesliga-Werbetour geht aber mit Sicherheit niemand – der Schock der Beinahe-Insolvenz lässt gerade erst nach, die Mitglieder sitzen erst seit gestern mit im Boot, und die Rettung muss noch finalisiert werden.

Mit viel Verantwortung und Bedacht wollen die Verantwortlichen nun mit der Unterstützung und Anschubhilfe die kommenden Jahre angehen. Die Basis dafür wird so gut sein wie lange nicht mehr. Damit alles gelingt und in Zukunft sportlich mehr klappen könnte, ist aber vor allem eines immens wichtig: der Klassenerhalt in der 2. Liga.

Kommentare

@MichiMichi.

Im Dschungelcamp unter den Kommentarfunktionen werde ich aus weltanschaulichen Gründen nicht mehr schreiben. Sie beziehen sich dort auf mich, also bleibt nichts anderes übrig, als Ihnen hier zu antworten.

Nirgendwo habe ich den Wahnsinnspreis für eine Tribüne (19 Mio) gerechtfertigt, im Gegenteil. Ich selbst halte den Ausbau in der jetzigen Form in einer Wohngegend für größenwahnsinnig. Ich habe mit eigenen Ohren Beteuerungen gehört, dass angeblich alle Büros verkauft oder vermietet waren, bevor die Bagger anrückten. Wie wir heute wissen, eine Lüge, die uns fast die Existenz gekostet hätte. Ich habe nie verstanden, warum die Geschäftsstelle ins Stadion integriert wurde und warum die kostengünstige Modulbauweise der U-Tribüne nicht fortgesetzt wurde. Ich habe letztendlich nur gesagt, dass ich 22 Mio. Schulden bei Besitz eines eigenen bundesligatauglichen Stadions für nicht zu hoch halte, und dabei bleibt es.

Ferner bleibt mir nichts anderes übrig, als mich bei der Beurteilung der letzten 6 Jahre zu enthalten. Ich begründe das damit, dass niemand umfassend beurteilen kann, welcher Anteil der Probleme selbstverschuldet war und welche Probleme "geerbt" wurden oder einfach im Arminia-Gen verankert sind. Nur Insider mit der Gabe zur Selbstkritik können die Vergangenheit richtig einschätzen.

Die Frage ist doch: hatte der Verein jemals eine realistische Chance, sich aus der Umklammerung zu befreien ? Wenn nein, hätten wir 7 Jahre verloren und ich hätte mir gewünscht, die Nägel mit Köpfen etwas früher zu machen. Ich vermute, dass wir die Chance hatten, auch wenn die Schwierigkeiten immens waren, diese aber durch eine Hintereinanderreihung von zu vielen Fehlern versemmelt haben. Ich meine nicht einzelne Transfer-Flops, die zum Tagesgeschäft gehören, sondern Misswirtschaft durch zu große Kader oder naive Entscheidungen, z.B. zwischen zwei Trainern en passant die Änderung der Spielphilosophie zu beschließen, obwohl der Kader für diese Spielweise nicht ausgelegt war. Auch wenn Saibene gezeigt hat, dass ich mit meiner Einschätzung auch nicht ganz richtig lag. Aber seien wir ehrlich: er hatte nichts zu verlieren, hatte das notwendige Glück (Würzburg) und den Vorteil, im Gegensatz zu Rehm die Mannschaft zu erreichen.

Zunächst möchte ich mich als langjähriger Armine beim Bündnis OWL ganz herzlich für die Unterstützung bedanken. Ohne ein Engagement der Wirtschaft wird es zukünftig keinen Profifußball geben insbesondere nicht in Bielefeld.

Ob der Weg alternativlos war, kann ich nicht beurteilen. Vor 15 Jahren habe ich das Pappmodell eines euphorisierten Herrn Kentsch begutachten dürfen. Auch hier konnte ich nicht beurteilen, ob die Bauart der Tribüne ohne Alternative war, mangels besseren Hintergrundwissens. Wenn man jedoch die Summen erfährt, die heutzutage in Stadienum- und neubauten investiert werded, halte ich 22 Mio. Schulden für nicht zu hoch, um nicht durch eine zinsgünstige Umschuldung mithilfe der Partner Besserung zu erzielen. Aber ich könnte mir vorstellen, dass der eingeschlagene Weg schlauer sein könnte, warten wir daher den Juni ab.

Trotzdem fällt mir schwer, in der allgemeinen Euphoriewelle mitzuschwimmen. Ich erhebe als normaler Fan und einfaches Mitglied ganz sicher nicht den Anspruch, über jedes Detail des operativen Geschäfts Bescheid zu wissen. Momentan habe ich jedoch umgekehrt das Gefühl, auch nicht ansatzweise beurteilen zu können, welche Anteile an Pech, Unvermögen, strukturellen Nachteilen und Altlasten tatsächlich für die Fast-Insolvenz verantwortlich waren, was der jahrelangen Informationspolitik des Vereins geschuldet ist. Wirtschaftliche Parameter sind notwendige Bedingungen für Profifußball, aber nicht hinreichend. Daher ist ein Blick zurück im Falle von Arminia nicht kontraproduktiv, sondern angebrachter denn je. Zumal alle Protogonisten mit Ausnahme von Bauernopfer Meinke weitermachen. Ich habe mir vor zwei Jahren in einer anderen KF die Finger wundgeschrieben, um vor möglichen Fehlentwicklungen zu warnen. Und ich nehme mir heraus, dieses nun wieder zu tun, bevor erneut der Mantel des Schweigens über vergangene Zeiten und Probleme gelegt wird.

Gerade vor dem Hintergrund des finanziellen Scherbenhaufens zur Jahreswende frage ich mich bespielsweise, warum wir uns jahrelang einen gigantischen 30er-Kader geleistet und den Etat bis zum letzten Cent ausgereizt haben. Mir fehlte die Grundausrichtung des Vereins, die Philosophie. Mit Freude nehme ich zur Kenntnis, dass nach dem Betätigen des Reset-Buttons nun auch hier Fortschritte erzielt werden (können). Wir dürfen bestimmte Fehler einfach nicht mehr wiederholen und müssen neben der wirtschaftlichen ganz dringend auch sportliche Kompetenz im Verein installieren. Ich denke da an die Einbinding ehemaliger Spieler, z.B. zukünftig Florian Dick, die wissen, wie der Fußball funktioniert, wobei ich die Person Samir Arabi als Leuchtturm im Nebel der vergangenen Jahre für unverzichtbar halte. Es darf jedoch nicht sein, dass ein Trainer Spielweise und Einkaufspolitik vorgibt, wie unter Meier erlebt. Trainer kommen und gehen, daher müssen diese Vorgaben im Verein festgelegt werden und Trainer müssen vorgegebene Kriterien erfüllen. Meine Wünsche für die Zukunft wären, die mutige Spielweise des aktuellen Trainers weiterzuentwickeln, was mit einem schlanken und ausgewogenen Kader mit einer klaren Hierarchie umzusetzen wäre. Wir brauchen 7-8 überdurchschnittliche Zweitligaspieler und ebenso viele junge und hungrige Talente, ein Blick nach Paderborn kann dabei nicht schaden. Die haben das viele Jahre richtig gut gemacht, vom Arroganzanfall nach dem BL-Aufstieg einmal abgesehen. Die haben es sogar geschafft, mit einem 6-Mio-Profietat in die Bundesliga aufzusteigen. Während wir nicht einen Spieler transferieren konnten, haben die zudem Erlöse in Größenordnungen von 10 Mio. erzielt.

Alle müssen sich bewusst sein, dass die Maßstäbe zur Beurteilung der Arbeit im Verein nun neu justiert werden. Bleibt abschließend zu hoffen, dass die Aufbruchstimmung endlich auch bei Teilen der Mannschaft und auch Teilen der Fans ankommt. Die Zahl von 12500 Zuschauern gegen Fürth ist erbärmlich. Ohne den Teufel an die Wand malen zu wollen: ein Abstieg in dieser historischen Situation würde mir noch in meiner 50 Jahre alten Arminia-Pleiten-Pech-und-Pannen-Sammlung fehlen.

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