Wie bei Ostwestfalens Topklubs über den Stress im Profifußball gedacht wird Wegen Strasser: Die Branche ist in Sorge

Bielefeld/Paderborn/Kaiserslautern (WB/dpa). Jeff Strasser (43) hat beim Abbruch-Drama von Darmstadt am Mittwochabend nach Angaben seines Klubs keinen Herzinfarkt erlitten. Nach Vereinsangaben befindet er sich auf den Weg der Besserung.

Von Dirk Schuster, Peter Klute und Ulrike John
FCK-Coach Jeff Strasser hat nach Angaben seines Klubs keinen Herzinfarkt erlitten.
FCK-Coach Jeff Strasser hat nach Angaben seines Klubs keinen Herzinfarkt erlitten. Foto: dpa

Der Bund Deutscher Fußball Lehrer (BDFL) mahnte die Vereine, nicht nur bei den Spielern auf die Gesundheit zu achten, sondern auch bei den Trainern, die unter großem öffentlichen Druck arbeiten. »Man müsste eigentlich jeden einzelnen Verein fragen, ob er die Untersuchungen, die bei Profis permanent durchgeführt werden, auch bei den Trainern macht«, sagt BDFL-Präsident Lutz Hangartner. Bei den ostwestfälischen Topklubs Arminia Bielefeld (2. Bundesliga) und SC Paderborn (3. Liga) ist dies der Fall.

Trainer wie Spitzensportler belastet

Arminia-Kardiologe Dr. Fikret Er

»Vor der Saison wird jeder Spieler und werden auch die Trainer praktisch komplett auf den Kopf gestellt«, erklärt Dr. Fikret Er. Der 45-Jährige ist Chefarzt der Kardiologie am Klinikum Gütersloh und seit zwei Jahren Kardiologe des DSC Arminia. Dass sich auch die Trainer untersuchen lassen, hält Fikret Er für sinnvoll, denn: Während sich der normale Bürger im Leben in einem mittleren Herz-Leistungsbereich bewege und dessen Herz in der Regel bei 50 bis 60 Prozent belastet sei, bewegten sich Spitzensportler und auch Bundesligatrainer »nahezu immer am Herz-Leistungsmaximum«.

Deshalb gehörten sie in Bezug auf Herzprobleme durchaus einer Risikogruppe an. Permanenten Stress in den Griff zu bekommen, müsse man trainieren. Dr. Er: »Ein Trainer ist den Stress gewohnt. Allein diese Gewohnheit hilft, damit besser umgehen zu können.«

Der Druck der Trainer

Arminia-Trainer Jeff Saibene

DSC-Trainer Jeff Saibene (49) kann das aus eigener Erfahrung bestätigen: »Zu Beginn meiner Trainerlaufbahn habe ich mich stark unter Druck gesetzt. Die Anspannung – insbesondere vor den Spielen – war enorm. Die Erfahrung hat mir geholfen, mich an den Stress zu gewöhnen. Ich habe im Laufe der Jahre gelernt, besser damit umzugehen.«

SCP-Trainer Steffen Baumgart

Sein Paderborner Trainerkollege Steffen Baumgart (46) meint: »Ich denke nicht, dass ich übermäßig gestresst bin. Ich wirke immer sehr emotional, habe aber einen ruhigen Puls und weiß genau, was ich tue.« Als er noch Coach des Berliner AK war, habe er »unmittelbar vor dem Anpfiff immer drei Möhren gegessen, in Paderborn kaue ich auf einem Kaffeestäbchen herum. Das hilft mir. Zu Untersuchungen gehe ich so regelmäßig, wie es möglich ist. Und es ist selten möglich. Mit anderen Worten: Ich bin ein Typ, der lieber nicht alles weiß.«

SCP-Arzt Dr. Hans Walter Hemmen

Der Internist und SCP-Teamarzt Dr. Hans Walter Hemmen betont, »natürlich mit den Spielern und dem Trainer im Austausch« zu stehen. Grundsätzlich halte er den Trainerjob »nicht für bedenklich«, da es sich in der Regel »um sportliche und gesunde Menschen handelt, die Anspruch an eine gewisse Fitness haben«.

Dr. Fikret Er beurteilt das ein wenig anders. Es gebe wenige Berufe, in denen Menschen ähnlich dauerhaft am Stressmaximum arbeiten wie Trainer im Profifußball: »Polizisten, Ärzte, Krankenschwestern – auch bei denen ist das Risiko etwas höher.«

Thema Stress steht auf dem Lehrplan

Unabhängig von den Ursachen für Strassers Probleme sagt DFB-Chefausbilder Frank Wormuth: »In der Sportpsychologie steht das Thema Stress auf dem Lehrplan. Zum Beispiel die Indikatoren, der Umgang damit. Das geht auch in Richtung Burnout. Diese Themen werden angesprochen, nicht nur im Bezug auf Spieler, sondern auf die Trainer selbst.«

Der Luxemburger Strasser (Vertrag bis 2019) hatte beim FCK im September die Nachfolge von Norbert Meier angetreten. Kaiserslautern steckt in der größten Krise seiner Historie. Dem viermaligen deutschen Meister droht der Absturz in die 3. Liga. »Jeff hatte wohl im Rahmen der ersten Halbzeit ein Druckgefühl auf dem Brustkorb. Das haben wir dann aus Vorsichtsmaßnahmen erstmal abklopfen lassen«, erklärt Lauterns Sportdirektor Boris Notzon.

Moser übernimmt interimsweise

Die Deutsche Fußball Liga (DFL) möchte die zur Halbzeit abgebrochene Partie »schnellstmöglich« neu terminieren. Beim Heimspiel des FCK am Samstag gegen Düsseldorf wird U23-Trainer Hans Werner Moser die Mannschaft interimsweise betreuen. Strasser-Assistent Alexander Bugera (39) hat keine Fußballlehrer-Lizenz und bräuchte eine DFL-Ausnahmegenehmigung.

Ob es für Strasser ratsam wäre, in den Trainerjob zurückzukehren, könne Dr. Er zufolge aus der Distanz nur schwer beurteilt werden. Er sagt: »Jeder von uns hat schon Extremsituationen erlebt. Meines Erachtens ist es möglich, danach ganz normal weiterzuarbeiten. Letztlich kommt es aber auf die genaue Diagnose an. Sogar eine Erkältung, Bluthochdruck oder eine andere Banalität könnte der Auslöser gewesen sein.«

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