Arminia-Trainer Saibene über seinen Topstürmer, Geld und Perspektiven »Voglsammer wird nicht zu halten sein«

Benidorm (WB). Vor der Rückreise nach Bielefeld am Dienstag hat sich Arminia-Trainer Jeff Saibene in Benidorm Zeit für ein Interview genommen. Der 49-Jährige spricht über einen heftigen Denkanstoß, die Option Roberto Massimo, Arminias Finanzlage und er erklärt, warum Stürmer Andreas Voglsammer für den Zweitligisten nicht zu halten sein wird.

Die Arminen tanzen auch in Benidorm nach seiner Pfeife: Jeff »le chef« Saibene weiß, wie ein souveräner Klassenerhalt gelingen kann.
Die Arminen tanzen auch in Benidorm nach seiner Pfeife: Jeff »le chef« Saibene weiß, wie ein souveräner Klassenerhalt gelingen kann. Foto: Thomas F. Starke

Wie sind Ihre bisherigen Trainingslager-Eindrücke?

Jeff Saibene: Ich bin sehr zufrieden. Wichtig ist: Wir haben bislang keine Verletzten. Das erste Testspiel gegen Genk (2:0) war phasenweise sehr gut. Wir waren physisch präsent, zweikampfstark und hatten Qualität im Spielaufbau. Vorne sind wir ohnehin gefährlich. Wenn wir so auftreten oder wie beim 5:0 in der Liga gegen St. Pauli, dann gehören wir ins obere Zweitligadrittel. Wir haben aber auch schon bewiesen, dass wir, wenn wir nicht voll fokussiert sind, sehr bieder sein können. Das Level halten zu können, macht den Unterschied zwischen einer guten und weniger guten Mannschaft aus.

Gegen Genk haben Sie phasenweise ein 4-2-3-1-System spielen lassen. Was steckt dahinter?

Saibene: Wenn wir einen Typ wie Patrick Weihrauch vorne dabei haben , kann es sein, dass wir während eines Spiels vom 4-4-2 in ein 4-2-3-1 wechseln. Allerdings nur bei Ballbesitz. Ich wollte gegen Genk testen, ob wir damit etwas variabler sein können.

Saß Fabian Klos in dieser Partie deshalb draußen, weil Sie ihn ein reizen wollten?

Saibene: Nein, nur um etwas zu testen. Ich muss Fabian nicht reizen.

Gibt es einen Grund, das bisherige Angriffsduo Andreas Voglsammer/Klos auseinanderzureißen?

Saibene: Wenn, dann wie erwähnt nur aufgrund der Variabilität. Wenn wir glauben, dass es mehr auf Ballbesitz ankommt, ist Patrick Weihrauch eine gute Alternative, da er ein kreativer Typ ist. Fabian und Andreas sind zwei klassische Stürmer, auf die wir gut auch lange Bälle spielen können. Patrick ist ein ganz anderer Typ, zumal die Rolle als hängende Spitze eigentlich sogar seine Lieblingsposition ist. Reinhold Yabo hat in der Vorsaison eine ähnliche Rolle gespielt.

Arminia geht mit 25 Punkten als Neunter in die letzten 16 Partien. Rückstand und Vorsprung nach oben und unten sind nahezu identisch. Birgt das mehr Chancen oder Gefahren?

Saibene: Wir haben im Kalenderjahr 2017 48 Punkte geholt; 23 in der Rückrunde der vorherigen, 25 in der Hinrunde der laufenden Saison. Das muss unser Gradmesser sein. Wenn wir das Niveau halten, werden wir eine gute Rückrunde spielen und uns souverän retten können. Wir sind das laufstärkste Team der Hinrunde. Wir haben viel Potenzial. Wenn wir das ausschöpfen, wird alles gut.

»Massimo müssen wir langsam aufbauen«

Nach dem 2:3 im letzten Spiel des Vorjahres gegen Regensburg hatten Sie Ihren Profis einen Denkanstoß gegeben, indem Sie sagten: »Die Spieler müssen sich überlegen, ob sie mit Arminia ein Leben lang gegen den Abstieg spielen oder weiterkommen wollen.« Spüren Sie einen Effekt?

Saibene: Ich glaube, dass das ein bisschen heftig war, aber die Aussage war auch berechtigt und kam zum richtigen Zeitpunkt. Ich denke, einige Spieler haben sich davon positiv beeinflussen lassen. Ich hoffe nicht, dass es mir passiert, einzelne Spieler in der Öffentlichkeit persönlich anzugreifen. So etwas finde ich extrem schlimm. Aber gegenüber einer Mannschaft kann man das ruhig mal so platzieren.

DSC-Juwel Roberto Massimo. Foto: Starke

Wäre der junge Roberto Massimo (17) eine Option für die Startelf, wenn die Saison morgen losginge?

Saibene: Ja, aber ich denke, dass man ihn langsam aufbauen muss . Es ist sehr wichtig, dass wir ihn nicht verheizen. Doch wenn wir das Gefühl haben, dass er so weit ist, hätten wir null Bedenken, ihn im ersten Spiel spielen zu lassen.

Massimos Vertrag gilt bis 2019. Mehrere große Klubs sind schon jetzt an ihm dran. Was würden Sie ihm empfehlen, wenn Sie sein Berater wären?

Saibene: Ich würde ihm sagen, dass er hier verlängern soll. Dass es wichtig ist, noch eine Weile Spielpraxis zu sammeln. Es gibt für so einen jungen Spieler doch keine bessere Plattform dafür als die 2. Liga. Bevor er jetzt zu irgendeinem Bundesligisten wechselt und dort womöglich nur in der U23 spielt, wäre es doch besser, wenn er sich bei uns in der 2. Liga behauptet. Dann wird er sicher seinen Weg machen.

Der Vertrag von Rechtsverteidiger Florian Dick (33) läuft im Juni aus. Werden Sie sich für eine Verlängerung aussprechen?

Saibene: Florian ist eine Persönlichkeit und genießt eine hohe Akzeptanz. Für mich ist er ein heimlicher Chef, der alles koordiniert, der redet, der dirigiert und mit seiner Erfahrung extrem wertvoll ist. Er ist kein Außenverteidiger, der hundert Mal die Linie rauf und runter läuft und Flanken schlägt, aber er macht das mit viel Routine wett. Um sich bezüglich eines neuen Vertrags festzulegen, ist es noch zu früh. Wir wissen, was wir an ihm haben. Aber es geht auch um seine Gesundheit und sein Leistungsvermögen. Wir werden schauen, wie er die nächsten Monate verkraftet und ganz sachlich entscheiden.

»Voglsammer ist ein Vorbild für alle«

Wie beurteilen Sie die Entwicklung von Andreas Voglsammer?

Saibene: Unglaublich. Wenn man seinen Stellenwert von vor acht, neun Monaten mit heute vergleicht, ist das ein himmelweiter Unterschied. Vogi hat tagtäglich daran gearbeitet, dort hinzukommen, wo er jetzt ist – und das ist ihm wahrscheinlich noch nicht genug. Er hat bewiesen, dass mit so einer Einstellung einiges möglich ist. Er ist ein Vorbild für alle.

Saibene findet Voglsammers Entwicklung »unglaublich«. Foto: Starke

Glauben Sie, dass er zu halten sein wird, sollte er an die starke Hinrunde anknüpfen?

Saibene: Nein. Aber dann werden wir die passende Entschädigung für ihn bekommen . Alles, was bisher an uns herangetragen wurde, ist viel zu wenig. Ein solcher Spieler hat einen viel höheren Wert. Wenn man ihn abgibt, muss es sich lohnen. Ein Verein wie Arminia sollte in der Lage sein, jedes Jahr ein oder zwei Spieler zu verkaufen. Das sollte unser Ziel sein, und das ist auch mein Anspruch. Ich bin als Trainer nicht zufrieden, wenn es mir nicht gelingt, Spieler weiterzuentwickeln und auf ein anderes Level zu bringen. Das habe ich unserem Sport-Geschäftsführer Samir Arabi schon zu Beginn unserer Zusammenarbeit so gesagt. Es gab auch für andere Spieler gute Anfragen, die wir im Moment aber ablehnen. Wir haben bewiesen, dass wir Spieler entwickeln können. Auch jetzt ist wieder eine Handvoll talentierter Spieler aus dem eigenen Nachwuchs dabei. Es ist nicht gesagt, dass alle es schaffen werden. Aber es zeigt, dass in unserem Nachwuchsleistungszentrum gut gearbeitet wird. Auch das muss ein Ziel des Klubs sein: Jedes Jahr mindestens einen Spieler wie Roberto Massimo hochzubringen.

Aber ist es auf Dauer nicht auch zermürbend, wenn man immer wieder die besten Spieler abgeben muss?

Saibene: Wenn man einen Vertrag unterschreibt, weiß man ja, wo man arbeitet. Und wenn man bei Arminia anfängt, muss man wissen, dass man die besten Spieler normalerweise nicht halten kann. Ich habe damit kein Problem. Ich finde das sogar sehr spannend, Spieler zu formen, so dass es heißt: Der Trainer kann junge Spieler ausbilden und bringt dem Verein damit Geld. Das gehört für mich dazu. So kann sich dann auch Arminia weiterentwickeln.

Sieht Ihr Karriereplan es vor, eines Tages auch mal ein »fertiges« Team zu trainieren?

Saibene: Ehrlich gesagt, mache ich mir darüber keine Gedanken. Es kommt sowieso, wie es kommen soll. Ich bin sehr gerne hier, mir macht das viel Spaß, alles andere kommt dann von alleine. Wichtig ist, dass man da, wo man angestellt ist, gute Arbeit macht.

»Die Hilfsbereitschaft ist ein tolles Signal«

Die Finanzen sind bei Arminia aktuell wieder ein bedeutendes Thema. Welche Perspektiven könnten sich mit Hilfe des »Bündnis Ostwestfalen« bieten?

Saibene: Dass Firmen aus der Region ihre Hilfsbereitschaft bekunden , ist ein tolles Signal. Natürlich würde uns ein größerer Spielraum in der 2. Liga konkurrenzfähiger machen. Auch was die oberen Plätze anbelangt. Zum jetzigen Zeitpunkt sollten wir aber keine Luftschlösser bauen, sondern zunächst abwarten, wie die Verhandlungen der Vereinsführung weiter verlaufen. Eins nach dem anderen. In der Vorsaison haben wir uns gerettet, jetzt haben wir uns stabilisiert. Es geht Schritt für Schritt vorwärts. Wenn Klarheit über unsere Möglichkeiten herrscht, können wir im Sommer unsere Ziele vielleicht längerfristig neu definieren.

Wäre die Situation auch ein Anreiz, um Ihren bis 2019 datierten Vertrag vorzeitig zu verlängern?

Saibene: Bis 2019 ist ja noch eine lange Zeit. Aber es wäre super, wenn ich bei diesem Projekt dabei sein könnte. Das fände ich extrem spannend.

Warum ist das Projekt mit Stürmer Andraz Sporar (jetzt Slovan Bratislava), dessen Leihvertrag nach einem halben Jahr aufgelöst wurde, gescheitert?

Saibene: Ich wollte Andraz unbedingt nach Bielefeld holen. Ich habe ihm gesagt, dass er im Vergleich zu Basel hier viel mehr Spielpraxis haben könnte. Er hat es so verstanden, dass er hier immer spielen wird. Dabei habe ich ihm nie eine Garantie gegeben. Kein Trainer macht das. Klos und Voglsammer waren in der Sommervorbereitung einfach besser, damit ist er nie klargekommen. Andraz wollte auch nie den Konkurrenzkampf annehmen. Man lernt die Spieler eben doch erst richtig kennen, wenn man mit ihnen zusammenarbeitet. Wenn er diese Einstellung behält, kann es sein, dass er es nie richtig schaffen wird. Das wäre schade, denn er hat großes Potenzial.

Kommentare

Mit das beste Interview was man in den letzten Monaten so lesen konnte. Sehr pragmatisch, aber realistisch eingeschätzt von Saibene, so wie man ihn kennengelernt hat.
Die Tatsache, dass er Voglsammer für den Sommer bereits abschreibt zeugt von Weitblick. Selbst wenn die Rückrunde nicht auf dem gleichen hohen Niveau sein sollte und der Preis nicht auf das Maximum steigt, so kann man Arabi doch schon auf die Suche nach einem Nachfolger schicken - Die Alternativen auf der Position (Klos, Brandy und Nöthe) werden ja auch nicht jünger.
Auch das er sich das Entwickeln von Spielern auf die Fahne geschrieben hat ist genau das was Arminia braucht und ich denke die letzten Monate haben gezeigt mit welchem Erfolg das betrieben wird. Wann gab es das zuletzt das mindestens 3 Spieler von Arminia zeitgleich umworben werden (Vogi, Massimo, Staude)... Das Zeigt wie richtig der Weg ist der eingeschlagen wurde und ich denke auch ein ganz wichtiger Grund dafür, warum die Wirtschaft überhaupt Bereitschaft signalisiert nun einmal fundamentale Aufbauhilfe zu leisten!
Danke dafür und bitte genau so weiterarbeiten!

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