Gerstner trainierte acht Monate Frauenteam – »Immer sicher gefühlt« Ein Ex-Armine in Nordkorea

Bielefeld (WB). »Nordkorea ist vielleicht das interessanteste Land der Welt. Auf jeden Fall ist es dort so sicher wie sonst fast nirgends«, sagt Thomas Gerstner. Der frühere Spieler und Trainer von Arminia Bielefeld muss es wissen. Bis vorige Woche arbeitete der 51-Jährige für acht Monate dort.

Von Jens Brinkmeier
Thomas Gerstner als Trainer der nordkoreanischen U19-Frauenmannschaft während der Asienmeisterschaft in China.
Thomas Gerstner als Trainer der nordkoreanischen U19-Frauenmannschaft während der Asienmeisterschaft in China. Foto: Getty

Gerstner trainierte – als erster Ausländer – die U19-Nationalmannschaft der Frauen und führte das Team, das seit dem 1. Januar die U20 ist, zur WM in Frankreich (5. bis 24. August). Dort wird Nordkorea als Titelverteidiger antreten. Mit Gerstner an der Seitenlinie? Das ist noch offen.

Der Vertrag des Wormsers lief am 31. Dezember aus. »Der Verband wollte gerne mit mir verlängern. Es ist noch nichts entschieden, die nächsten ein, zwei Monate werden entscheiden«, sagt Gerstner dem WESTFALEN-BLATT und ergänzt: »Ich habe ein Rückflugticket in der Tasche und es könnte sein, dass ich im März wieder hinfliege. Eine U20-WM in Frankreich ist etwas Schönes.«

Der größte Auftritt einer nordkoreanischen Nationelf aller Zeiten

Die Fußball-WM 1966 in England brachte neben dem Wembley-Tor eine andere spektakuläre Geschichte hervor. In der Endrunde galt Nordkorea als Außenseiter unter Außenseitern, das 0:3 zum Auftakt gegen Russland bestätigte dies. Doch dann gelang ein 1:1 gegen Chile und ein 1:0 gegen Italien. Der beste nordkoreanische Spieler, Mittelfeldmann Pak Doo-ik, schickte die Azzurri tatsächlich nach Hause. Fast wäre das Märchen im Viertelfinale weitergegangen. Gegen Portugal führte Nordkorea nach 22 Minuten 3:0. Aber der Favorit schlug zurück und gewann 5:3. Es dauerte 44 Jahre, bis Nordkorea wieder bei einer WM aufkreuzte. 2010 gingen alle drei Vorrundenspiele verloren. fwk

Sanktionen verhindern Auszahlung der Prämie

Ein Problem sei, dass von den Sanktionen der Vereinten Nationen gegen das Regime in Pjöngjang auch der Fußballverband betroffen sei. So seien Nordkoreas Frauen jüngst Ostasienmeister geworden, doch die Prämie von 250.000 Dollar sei nicht ausgezahlt worden. Der UNO-Sicherheitsrat hatte die Sanktionen am 22. Dezember noch verschärft.

Das betrifft zum Beispiel Lebensmittel, Öllieferungen und ein weitgehendes Exportverbot für viele nordkoreanische Produkte.

Thomas Gerstner wohnte während seiner acht Monate in Nordkoreas Hauptstadt im Hotel »Koryo«, mit Supermarkt im Untergeschoss. Im Hotel traf er täglich auf Jörn Andersen. Der frühere Bundesliga-Torschützenkönig und -Trainer ist Coach der nordkoreanischen Männer. Gerstner: »Wir haben zusammen den Fußballlehrerschein gemacht, über ihn kam auch der Kontakt zustande.«

Der Familienvater war acht Monate von seiner Frau Heidi und den Töchtern Denise und Alina getrennt. Bis auf einen Besuch seiner jüngeren Tochter. Auch deshalb ist er froh, jetzt wieder in Düsseldorf zu sein. Die Zeit in Nordkorea möchte er nicht missen.

Verhandlungen mit TV-Anstalten

»Es war sehr spannend, dort zu leben. Ich habe mich immer sicher gefühlt. Es gibt keinen Hass, es gibt keinen Neid. Ich kann nur jedem empfehlen, mal hinzufahren und sich selbst ein Bild zu machen«, sagt Gerstner. Noch mehr von seinem Leben in dem abgeschotteten Land will er derzeit nicht erzählen. Es liefen Verhandlungen mit TV-Anstalten, er soll in Talkshows von den Erfahrungen berichten.

Die Verständigung mit seinen Spielerinnen lief zunächst nur per Dolmetscher. Im Laufe der Zeit eignete sich Gerstner typische Fußballbegriffe in der Landessprache an. Da es keinen Ligabetrieb gibt, konnte er seine Spielerinnen von Montag bis Samstag im Trainingszentrum – wo die jungen Frauen auch wohnen – auf den Platz bitten.

WM-Quali furch Finalteilnahme

Die Fortschritte zeigten sich schnell. Zu sehen waren sie dann bei der U19-Asienmeisterschaft im Oktober in Nanjing (China). Mit vier Siegen und 16:0 Toren stürmte Gerstners Team ins Finale. Dort unterlag Nordkorea 0:1 gegen Japan. Die WM-Qualifikation war durch die Finalteilnahme bereits gesichert.

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Fußball ist Fußball, bei Frauen wie bei Männern.

Thomas Gerstner

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Gerstner hatte vor seinem Nordkorea-Abenteuer nur Männer trainiert, darunter die Arminia-Profis von Juli 2009 bis März 2010. Er könne sich vorstellen – auch wenn er nicht nach Nordkorea zurückkehre – in Zukunft auch wieder Frauen zu trainieren. »Das war eine tolle Erfahrung, es hat viel Spaß gemacht. Und Fußball ist Fußball, bei Frauen wie bei Männern«, sagt der Coach.

Kommentare

Blinde Fußballer

Der Kaiser hat in Kuwait ja auch keine Missstände gesehen!

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